Schule in Kani Sherin nimmt Form an
Sicherheitslage im Nord-Irak bleibt angespannt

23.04.2016Die neue Schule im nordirakischen Dorf Kani Sherin nimmt Form an. Nach Abschluss der Bauarbeiten im Sommer 2016 sollen in der Grund- und Sekundarschule mehr als 500 kurdisch- und arabischsprachige Kinder gemeinsam lernen können. Die Grünhelme arbeiten bereits seit September 2015 zusammen mit der Bevölkerung am Wiederaufbau der Schule, die vor rund anderthalb Jahren vom IS zerstört wurde. Das Dorf Kani Sherin liegt im Distikt Zumar, etwa 70 Kilometer nordwestlich von Mosul entfernt. Während die politische und wirtschaftliche Situation in der Region weiterhin problematisch ist, geht unser Wiederaufbauprojekt gut voran.

Die Grundmauern der insgesamt vier Gebäudeflügel des Hauptgebäudes stehen bereits. Nun arbeiten wir an den Nebengebäuden, wo Schlafräume und Badezimmer für Lehrer sowie die sanitären Anlagen für die Schülerinnen und Schüler entstehen. Parallel wird weiter am Hauptgebäude gebaut: Nachdem die ersten beiden Flügel fertig verputzt und fast komplett überdacht wurden, werden nun auf dem dritten Gebäudeteil Dachträger installiert, die zusammen mit Trapezblech die Dachkonstruktion bilden. Im ersten Gebäude haben wir Türrahmen und Fenster angebracht – unser Metallbauer wird nächste Woche mit der Konstruktion der Türen beginnen. Zudem haben wir in der vergangenen Woche mit dem Einbau der abgehängten Decke und der Elektronik begonnen. Für die nächsten Wochen ist der Fenstereinbau für den zweiten Flügel und die Installation des Abwassersystems auf dem Gelände der Seitengebäude geplant, wo momentan die Fundamente zementiert werden. Die Fertigstellung der ersten Bauetappe mit Decke, Fenster und Türen, Putz und Elektronik ist unser nächstes Zwischenziel.

Das Grünhelme-Team besteht momentan aus Nina, die vor drei Wochen zum Projekt hinzukam, sowie Jonas und Michael, die beide seit fast drei Monaten hier sind. Jonas verlässt das Projekt in einer Woche, während Michael noch fünf Wochen hier arbeiten wird. Ende April soll ein/e neue/r Bauexperte/in hinzukommen. Unser lokales Bauteam besteht zurzeit aus fünf Verputzern, einem Metallbauer mit zwei Helfern, die die Dachträger konstruieren und anbringen, zwei Arbeitern für das Installieren des Dachblechs und drei Maurerexperten mit zehn Zuarbeitern.

Während die Zusammenarbeit mit dem Metallbauer und unserem Materialhändler aus Zumar weiterhin sehr gut funktioniert, wird die Beschaffung von Baumaterial zunehmend schwieriger: Der „Import“ von bestimmten Baumaterial in die militärisch kontrollierte Zone rund um Zumar ist mittlerweile nur noch mit Genehmigung der Asayish, dem militärischen Sicherheitsdienst Kurdistans, möglich. Eine Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen an den Militär-Checkpoints auf den beiden Strecken von Zakho und Dohuk nach Zumar hat zur Folge, dass größere Mengen an bestimmten Lebensmitteln und Materialien, wie Zement oder Stahl, nicht mehr eingeführt werden dürfen. Dies stellt Geschäfte und Händler in Zumar vor große Probleme, die wir auch selbst zu spüren bekommen. Immer häufiger ist das Benzin an den örtlichen Tankstellen ausverkauft und unser Materialhändler kann uns einige Produkte nur noch zu höheren Preisen oder überhaupt nicht mehr anbieten. Für die Einfuhr größerer Mengen von Material aus Zakho sind einzig wir als NGO in der Lage, individuelle Genehmigungen zu erhalten. Am härtesten treffen diese Maßnahmen die Menschen, die ihre zerstörten Häuser wieder aufbauen möchten. Ohne die Möglichkeit, an Zement oder Stahl zu kommen, ist ein Wiederaufbau unmöglich. Das Versprechen des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier vom Dezember 2015, Deutschland werde beim Wiederaufbau der befreiten Gebiete Hilfe leisten, wurde nach unseren Beobachtungen für die Region Zumar bisher noch nicht eingelöst: Die Grünhelme sind weiterhin zusammen mit der Mines Advisory Group, Medecins Sans Frontieres, dem Roten Kreuz und seit kurzem auch der Danish Refugee Council die einzige Hilfsorganisation in der Region.

Im letzten Monat konnten wir einen Anstieg von militärischen Bewegungen in der vom Islamischen Staat besetzten Region südlich unseres Projektorts beobachten: Zunächst fand vor etwas mehr als vier Wochen die größte IS-Offensive seit mehr als einem Jahr statt, bei der die von den Peshmerga geschützte Front an mehreren Stellen von den IS-Kämpfern attackiert wurde. Die Peshmerga konnten die Angriffe mithilfe von US-amerikanischer Luftunterstützung zurückschlagen und die Front absichern. Zwei Wochen später begann die irakische Armee gemeinsam mit Peshmerga-Einheiten aus der Region Makhmur auf die IS-Hochburg Mosul vorzurücken, um die besetzten Dörfer zu befreien. Der Beginn der Kämpfe verleitete einige europäische und amerikanische Medien dazu, voreilig den erwarteten Angriff auf Mosul durch eine Koalition von irakischem und US-amerikanischem Militär sowie der Peshmerga anzukündigen. Unsere Nachfragen vor Ort haben ergeben, dass die Offensive frühestens in vier Monaten beginnen wird. Entscheidend dafür, ob wir dann weiterhin in Ruhe an der Schule arbeiten können, wird die Flüchtlingsbewegung aus Mosul sein, da sich in ihrem Schatten auch IS-Kämpfer über die Front bewegen könnten.

Aufgrund der nach wie vor schwierigen wirtschaftlichen Situation und den damit einhergehenden Problemen beim Wiederaufbau, sind wir davon überzeugt, dass unsere Präsenz für die Menschen vor Ort nach wie vor sehr wichtig ist. So gut die Zusammenarbeit trotz mancher kultureller und arbeitstechnischer Unterschiede klappt, bleibt eines für unsere lokalen Mitarbeiter ein Rätsel: Dass wir in den Irak kommen, um ehrenamtlich anzupacken. Freiwilligenarbeit ist hier vor Ort, wo Jobs nicht einfach zu finden sind und selbst die Peshmerga seit Monaten auf ihren Lohn warten, schlichtweg nicht vorstellbar für die Menschen. „Warum seid ihr dann hier, wenn nicht für Geld?“ Die Antwort ist nicht schwer: Um die Menschen handfest beim Wiederaufbau ihres Landes zu unterstützen. Menschen, die mit den dramatischen Folgen von Krieg und Vertreibung konfrontiert sind. Aber auch die Wertschätzung unserer Arbeit, das Kennenlernen einer anderen Kultur sowie der tägliche Austausch von Wissen und Ideen sind eine enorme Motivation. All die vielen Erfahrungen, die wir hier sammeln dürfen, sind unbezahlbar und lassen sich mit Geld nicht aufwiegen.

Jonas Deitert & Michael Imhorst

 

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