Unsere Schule in Kani Sherin steht in den Startlöchern
Grünhelme trotzen der Hitze im Nordirak

02.08.2016Seit zehn Monaten ist der Bau der Schule in Kani Sherin bereits in vollem Gange – und das trotz immer neuer Herausforderungen. Entmutigen lassen sich die Grünhelme in der Endphase der Bauarbeiten dennoch nicht. Ganz im Gegenteil. Die Bauarbeiten gehen in die Endphase dank der tollen Arbeit unseres lokalen Bauteams.

Zu den größten Herausforderungen zählt die Materialbeschaffung, denn „unser“ Dorf liegt genau in dem Gebiet, das zeitweise durch die Kämpfer des IS besetzt war. Checkpoints, an denen Peshmerga und Geheimdienst kontrollieren, wer welche Materialien in das Gebiet bringen möchte, sind an der Tagesordnung. Dadurch kommt es immer wieder zu Problemen beim Transport, beim Kauf von Materialien und natürlich auch zu Verzögerungen des Bauprozesses.

Zusätzlich spürt man deutlich, dass der Sommer im Nordirak seinen Tribut fordert. Nicht selten zeigt das Quecksilber bereits gegen 9.30 Uhr 45 °C an. Arbeiten am Dach sind bei diesen Temperaturen nahezu unmöglich. Der einzige Ausweg: alle Arbeiten müssen so aufeinander abgestimmt werden, dass trotz der Hitze ein gutes Ineinandergreifen aller Gewerke und Bauabläufe gewährleistet bleibt. So hat sich beispielsweise das gesamte Team darauf verständigt, dass in den frühen Morgenstunden vor allem jene Tätigkeiten ausgeführt werden, die draußen stattfinden müssen – wie zum Beispiel das Betonieren oder das Ausheben der Fundamente für den Außengang. Steigt die Temperatur im Tagesverlauf an, werden die Arbeiten in den Innenbereich verlegt. Mittlerweile sind wir dazu übergegangen, bereits um 5 Uhr mit den Arbeiten auf der Baustelle zu beginnen, um den heißen Temperaturen möglichst lange zu entfliehen.

Ein großes Plus und deutlich spürbar ist unsere Entscheidung, dass die Bauweise, die wir für die Schule in Kani Sherin gewählt haben, in dieser Klimazone ein enormer Vorteil ist; im Gebäudeinnern bleiben die Temperaturen angenehm, obwohl es draußen äußerst heiß ist. Vor allem dadurch war es uns möglich, trotz Ramadan und der immer weiter ansteigenden Temperaturen, in allen fünf Bauetappen jeden Tag aufs Neue fleißig in die Hände zu spucken – und unter Hochdruck weiterzuarbeiten.

Bei den ersten zwei von insgesamt fünf Bauetappen befinden wir uns bereits im Endspurt – dank der tollen Arbeit unseres lokalen Bauteams. Jeder möchte, dass die Kinder Anfang September, wenn das neue Schuljahr startet, in die neue Schule einziehen und die ersten Räume nutzen können. Und trotz des Wissens, dass nur noch eineinhalb Monate bleiben, sind wir alle zuversichtlich, dass wir die ersten drei Gebäude bis zum Beginn des neuen Schuljahres fertigstellen können. Die verbleibenden zwei Gebäude werden voraussichtlich bis Ende Oktober dieses Jahres fertigstellen.

Hervorragende Arbeiter und eine gute Zusammenarbeit sind das A und O auf einer ordentlichen Baustelle. Beides trifft auf unser Team in Kani Sherin mehr als zu: Das Team auf der Baustelle ist mittlerweile eine eigene kleine Familie geworden. Es wird nicht nur zusammen gearbeitet, geschwitzt und nach Problemlösungen gesucht, sondern mindestens genauso viel gelacht und der ein oder andere Erfolg gefeiert – wie etwa das erfolgreiche Fertigstellen von Betonierabschnitten, bevor die Sonne Schäden anrichten konnte. Zudem bereiten die Frauen der Arbeiter abwechselnd für unsere „kleine Familie“ ein Frühstück vor, das meistens aus frischem Brot, selbsthergestelltem Joghurt und Käse, Tomaten und natürlich auch den von uns Grünhelmen heiß geliebten irakischen Chai besteht. Diese kleinen Gesten schweißen ungemein zusammen und machen vieles möglich, was eigentlich unmöglich ist.

Doch damit nicht genug. Auch nach der Arbeit treffen wir uns häufig noch im Dorf, spielen gemeinsam Fußball oder Volleyball. Und auch in Kani Sherin war die diesjährige Europameisterschaft ein echtes Highlight. Zu jedem Spiel versammelte sich gefühlt das halbe Dorf in einem kleinen Laden, wo ein winziger Fernseher aufgestellt wurde, auf dem alle Spiele gezeigt wurden. Oft war der Laden so überfüllt, dass viele Dorfbewohner mit der Nase an die Schaufensterscheibe gedrückt und dicht gedrängt das Spiel verfolgten. Besonders schön zu sehen war, dass trotz unterschiedlicher Favoriten zusammen gefiebert, gelacht und getröstet wurde – wenn die Lieblingsmannschaft ausschied.

Doch nun zurück zu unserer Arbeit im Nordirak: Im Anschluss an unser Projekt in Kani Sherin wollen wir im Gebiet Sindschar/Sinuni, das im November letzten Jahres vom IS befreit wurde, weitere Schulen aufbauen. Die vertriebenen Jesiden kehren langsam in die Region zurück. Und eines lässt sich schon jetzt mit großer Gewissheit sagen: dort ist ein großer Bedarf an Schulen. Obwohl bisher bei Weitem noch nicht alle Menschen zurückgekehrt sind, muss in manchen Schulen ein „Mehrschichtbetrieb“ durchgeführt werden, um mit den enormen Schülerzahlen umgehen zu können. Das liegt nicht nur daran, dass viele Schulgebäude im Krieg zerstört wurden. Viele Gebiete südlich des Sindschar-Gebirges, also auch die Hauptstadt Sindschar, sind noch lange nicht bewohnbar.

An dieser Stelle möchten wir noch einmal all den vielen Spendern danken, ohne die unsere Unterstützung hier im Nordirak nicht möglich wäre.

 

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