Sie haben Träume, wir haben Zäune
Erstes Bauprojekt der Grünhelme in Nador – Marokko

21.09.2015_1Es sind Menschen, die Träume haben. Es sind Menschen, die vor Krieg fliehen. Es sind Menschen, die vor Unterdrückung in ihrem eigenen Land fliehen. Es sind Menschen, die vor Armut fliehen. Und es sind Menschen, die sich einfach nur ein besseres Leben erhoffen. Sie haben Träume von Frieden, Träume von einer guten Ausbildung, Träume über eine sichere Zukunft. Oder sie haben den Traum bei Olympia mitzulaufen – wie die 21-jährige Samia Yusuf Omar, die 2012 im Mittelmeer ertrank, vier Jahre nachdem sie noch in China für Somalia bei den olympischen Spielen teilgenommen hat (vgl. Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist).

Samia hat sich wie Tausende andere auf den langen und beschwerlichen Track gemacht, um nach Europa zu gelangen, in das Europa ihrer Träume. Doch genau wie Samia ertrinken jährlich Tausende von Menschen mit Träumen im Mittelmeer beim Versuch Europa zu erreichen. Oder sie stehen mit ihren Träumen an einem der großen Zäune, wie diesen der jetzt in Ungarn errichtet wird oder wie der, der schon lange um Melilla (eine der zwei spanischen Enklaven in Marokko) steht. Es sind Zaunanlagen, die uns Europäern vor den Menschen mit ihren Träumen schützen sollen. Bis zu sechs Meter hohe Zaunanlagen mit Nato-Draht gekörnt und elektronisch gesichert. Zaunanlagen, die uns jährlich mehrere Million Euro kosten und immer unüberwindbarer werden.

Die Immigranten leben in Camps in den Bergen rund um Melilla, von denen sie hinüber schauen und warten, warten bis zum nächsten Ansturm, bei dem bis zu 100 Immigranten auf die Zaunanlage zustürmen und diese erklimmen. Wenn es gut läuft, schaffen es sogar eine Handvoll von ihnen diesen Zaun zu überwinden. Aber der größte Teil schafft es nicht, wird brutal von marokkanischen und europäischen „Grenzschützern“ zusammengeschlagen und verhaftet.

Über diese Versuche und über diese Menschen wurde viel berichtet. Aber es gibt nur eine kleine Gruppe von Menschen, die sich um das individuelle Leid der Immigranten kümmern. Einer von ihnen ist der spanische Priester Esteban, der sich mit seinem kleinen Team um die Bedürfnisse der Immigranten kümmert. Sie besuchen die Menschen in den Camps täglich und versorgen sie mit dem Nötigsten. Sie nehmen Verletzte mit nach Nador und bringen sie in die Krankenhäuser. Oder in die Sozialstation der Kirche, wo Mütter mit ihren Neugeborenen und Schwerverletzte bis zu acht Wochen gepflegt werden und sich erholen können. Das Zentrum ist auf dem Kirchengelände mitten in Nador und platzt langsam aus allen Nähten, selbst die Kirche wird schon teilweise als Lagerhaus für Decken, Kleidung und Planen genutzt.

Die Grünhelme arbeiten schon seit Januar mit Esteban und seinem Team vor Ort zusammen und unterstützen die Sozialarbeit der kleinen Mission de Migration bei ihrer wichtigen Arbeit. Jetzt haben die Grünhelme mit einem Bauprojekt begonnen und werden in nur drei Monaten die Station mit bis zu fünf Räumen erweitern können. Wir haben mit Elisa Rose und Stefan Schmidt ein Team von zwei Freiwilligen vor Ort, das neben dem Bau auch die Sozialarbeit weiterhin tatkräftig voranbringen und die Möglichkeiten von weiteren Projekten ausloten wird. Ob wir Ausbildungsmöglichkeiten für Immigranten schaffen oder die Immigranten mit der deutschen Wirtschaft zusammenbringen werden, das wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Der Traum von einer offenen Welt geht weiter.

Denn auch wir haben und hatten Träume: Im November 1989 gab es eine große Masse an Menschen, die laut „VISA frei bis Shanghai“ brüllten und Freiheit forderten – und diesen Traum auch wahr gemacht haben. Und ich bin mir sicher, dass wir unsere Träume noch nicht vergessen haben und auch den Menschen helfen können, die ihre heute verwirklichen wollen.

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