Siedlungen fressen sich in das Palästinenser Land
Berg Daher: Ein Haus der Völker, Juden und Araber, Deutsche und Polen, Franzosen und Israelis

Man kann es nicht wissen, lesen am Schreibtisch, begreifen, man muss es sehen: Wie sich die sog. Siedlungen mit Gewalt in das palästinensische Land hineinfressen. Eine Natur und Kulturlandschaft damit zerstören. Auch landwirtschaftliche Existenzen zerstören. Eisentore, Mauern, alles schwerstbewacht durch Militär, wird buchstäblich abgeschlossen und am Morgen einmal geöffnet und am späten Nachmittag. Die Besatzungsmacht entscheidet darüber, wie oft der Bauer auf seine Felder oder zu seinem Vieh gehen muss. Sog. Siedlungen, denn das Wort falsch ist: Es sind Wehrstädte, eingepflanzt in das Land des anderen Volkes, das man schon in Israel propper falsch behandelt, nun aber auch noch wirklich demütigt.

Bei Völkern, bei denen Ehre so viel gilt, sind das alles Demütigungen, die nicht ohne Folgen bleiben werden – wie Demütigungen immer in der Geschichte Folgen haben, die man von vornherein besser vermeiden sollte. Wie schon Bismarck wusste.

Sr. Hildegard in Qubeibeh, dem Behindertenzentrum Beit Emmaus, hatte uns gesagt, wir sollten uns das einmal ansehen, aber der Gürtel der Wehrdörfer und Wehrstädte zieht sich wie eine Gewaltspur durch das Land und macht Menschen zu gedemütigten Objekten Israelischer Landnahme. Man kann es nicht anders sagen. Da wird eine Straße auf dem Land gebaut, das die Besatzungsbehörde vorher zu Staatsland erklärt. Die Besatzungsbehörde wechselt den Bezug immer wieder und hält diesen Schein von Recht aufrecht. Einmalrichtet sie sich nach Osmanischem Recht aus vergangen Tagen, das andere Mal nach jordanischem, das dritte Mal nach Englischem Besatzungsrecht. Es ist das was die Römer „Summum Ius – Summa Iniuria“ nannte, das höchste Recht kann das größte Unrecht sein. Das größte Unrecht kann man hier sehen, wo wir auf dem Hügel stehen. Das palästinensische Dorf Beduqo und Titra werden stranguliert von der Wehrsiedlung Givat Zev und der Wehrstadt Har Adar. Da zieht sich jetzt oberhalb von Jerusalem der Wehrsiedlungs- und Militärgürtel durch das Land von Modein über Har Adar und Givat Zev bis Male Aduminn und dann bis zum Jordantal.

Einer erzählt, dass man beim Supreme Court geklagt hatte. Die einzige letzte Vergegenwärtigung davon, dass es doch noch Rechte gibt von Menschen, die Palästinenser sind. Der Supreme Court bestimmte, dass dein Staat und eine Verwaltung für kommunale Infrastruktur schon das Recht hat, Land zu beschlagnahmen, aber dass dann die Straße auch von allen benutzt werden können muss. So baute man die Straße, aber jeder Zugang zu der Straße für Palästinenser wurde mit einem aufwendigen Checkpoint versehen, der so lange kontrollieren soll, dass niemand von den Palästinensern die Straße später benutzte. So legt man durch normative Kraft des Faktischen die Beschlüsse des Obersten Gerichtshofes lahm.

Eine andere Realität: Die Eriträer und Sudanesen, Darfuris, die irgendwie durch die Mauer des Sinai nach Israel kommen, werden dort nicht akzeptiert nach der Genfer Flüchtlingskonvention, sondern sind erst mal Kriminelle. Sie haben das Verbrechend der illegalen Einreise begangen. Man hat jetzt, wie uns P. David Neuhaus SJ erzählt, etwa 35.000 Eriträer im Lande. Die aber kein Verfahren für ein Asyl bekommen, sondern so lange mürbe gemacht werden, bis sie unterschrieben, dass sie in ein Land Afrikas abgeschoben werden. Man spricht verdächtig oft von Uganda – Kampala und Ruanda – Kigali. Was kann die Kirche in Israel für diese Menschen tun? Die Eriträer haben ein furchtbares Schicksal. Wir treffen einen, der vor dem lebenslänglichen Militärdienst geflohen ist. Sie werden versklavt, auf dem Sinai gibt es Gangs, die nur dazu da sind, tausende von Dollars zu erpressen durch Folter und Vergewaltigung. Zum Anreiz des erzwungen Bezahlens werden die Opfer mit Handies ausgestattet, mit denen sie mit den Angehörigen, die in Israel sind telefonieren können. Und über Telefon hören die Angehörigen, wie ihre Frauen, Familienangehörige vergewaltigt oder gefoltert werden. Pater David Neuhaus kennt diese Hölle, er ist der einzige, der sich in Israel um diese Menschen kümmert. Wir müssen ihm aus Deutschland helfen.

Auf dem Berg Daher treffen wir Daoud Nassar, dem noch die ganze Enttäuschung ins Gesicht geschrieben steht, über die Bulldozeraktion, bei dem ihm 800 Oliven Bäume zerstört wurden, wir sehen den Gräuel der Verwüstung von oben in das Tal, wo der Bulldozer am 19. Mai 2014 sein Zerstörungswerk betrieb. Bis heute weiß man nicht wozu diese Aktion betrieben wurde. Aber es ist auf dem Berg erkennbar, der Berg daher, der der Familie von Daoud Nasser gehört, ist ein Fremdkörper, den man weghaben will, die Siedlungen wachsen und bilden einen Straßen und Wehrdorf-Siedlungsgürtel um den Berg herum. Der Berg aber hat die einzige Botschaft, die für die Zukunft Frieden und Versöhnung, zwei Staaten und das Ende der Kriege annonciert: WE REFUSE TO BE ENNEMIES. Wir lehnen es ab Feinde zu sein. Dort sind an dem Tag 12 Franzosen angemeldet, etwas Ältere, die nur mühsam sich in die zelte legen werden, auch weil es schon windig und kühl werden kann in der Nacht.

Deshalb wollen die Grünhelme die Pläne machen für zwei Häuser auf dem Berg, ebenerdig angebunden an den Boden, ein Gebäude, um dort Kurse, besonders landwirtschaftliche, bio-agrarwissenschaftliche und ökologische Kurse zu halten in einer Landschaft, die sich dafür anbietet. Und ein anderes Gebäude mit 15 Räumen in denen auch und gerade ältere Menschen einfach aber sicher übernachten können. Ein Haus der Völker, Juden und Araber, Deutsche und Polen, Franzosen und Israelis.

 

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