Startschuss in Sierra Leone

Sierra Leone-Gbentu-201807 (9)-kleinSierra Leone wird auf nahezu allen Indizes, die soziale Infrastruktur, medizinische Versorgung, Lebenserwartung, wirtschaftliche Prosperität, Bildung etc. beschreiben, unter den zehn Schlusslichtern der Welt gelistet. Mangel besteht in diesen Bereichen praktisch überall. Dieser beginnt bei der technischen Infrastruktur in Form von Trinkwasserbrunnen und Straßen, setzt sich fort bei der medizinischen Versorgung und den Bildungseinrichtungen und endet bei der Ernährung mit ausgewogenen Lebensmitteln.

Nachdem 2002 der über ein Jahrzehnt andauernde Bürgerkrieg ein Ende fand wurde zwar viel Geld auch aus dem Ausland in den Wiederaufbau des kleinen westafrikanischen Landes investiert, doch ein anhaltender wirtschaftlicher Aufschwung, von dem breite Bevölkerungsschichten profitieren konnten, blieb aus. Stattdessen zerstörte die Ebola-Epidemie im Jahr 2015 die zarten Pflänzchen wirtschaftlicher Prosperität. Seitdem kommt Sierra Leone nur schwerlich wieder auf die Beine. Insbesondere die grassierende Korruption, die sämtliche Institutionen durchzieht, lähmt das Land und verhindert den Aufbau einer funktionierenden Wirtschaft und Investitionen in die Infrastruktur. Mit dem Wahlsieg des oppositionellen Präsidentschaftskandidaten Julius Maada Bio im vergangenen März, der mit einer Kampagne für freie Bildung und gegen Korruption die Wahl gegen den Kandidaten der Regierungspartei gewinnen konnte, gibt es nun zumindest eine kleine Hoffnung, dass das Land alle Anstrengungen bündelt und zum Wohl der Allgemeinheit Reformen beginnt.  

Während Freetown und die sogenannten Secondary Cities wie Makeni, Bo, Port Loko oder Kenema gut angebunden und über ein Netz medizinischer Einrichtungen und Schulen verfügen, ist die ländliche Region seit jeher vernachlässigt. Eben hier möchten wir Grünhelme nun in Zusammenarbeit mit der neuen Regierung den Schulbau unterstützen und beim Versprechen für „kostenfreien Bildung für alle“  behilflich sein durch den Bau von Klassenräumen.  

Im kleinen Ort Gbentu, im neu geschaffenen District Falaba, im Nordosten des Landes, in maximaler Entfernung zur Hauptstadt Freetown, starten wir unser Pilotprojekt, dem noch viele weitere folgen sollen: Hier erweitern wir nun eine Grundschule, die bisher lediglich über zwei Klassenräume für knapp 400 Kinder verfügte. So werden neben sechs neuen Klassenräumen, auch Schlafräume für die Lehrer*innen entstehen, die häufig aus entfernten Dörfern kommen und bisher nur in provisorischen Unterkünften in Gbentu untergebracht sind (Hier geht’s zum Grundriss des neuen Gebäudes).

Gestartet mit einem Team aus zehn lokalen Mitarbeitern waren die Fundamentgräben binnen kürzester Zeit ausgehoben. Der Bau der Naturstein- und Betonfundamente befindet sich in vollem Gange, wobei das Wetter die größte Herausforderung darstellt. Die tropische Regenzeit nähert sich seinem Höhepunkt: Regelmäßige heftige Schauer, die die kleinen Trampelpfade zu reißenden Bächen werden lassen, verziehen ebenso schnell wie sie gekommen sind. So müssen die Arbeiten zwar immer wieder unterbrochen, können aber trotzdem kontinuierlich fortgesetzt werden. Allerdings erschwert das Wetter die Anlieferung des Zements und Baustahls, der über eine unbefestigte hügelige Piste über fünfzig Kilometer aus der ehemaligen Distrikt-Hauptstadt Kabala angeliefert wird.    

Gbentu selbst liegt nur etwa sieben Kilometer von der guineischen Grenze entfernt und stellt so etwas wie ein ländliches Zentrum für die umliegenden Dörfer dar. Auch ist es Hauptort des Chiefdoms Folasaba Kamba, die nach den Distrikten die untere Verwaltungsebene bilden. So ist auch der sogenannte Paramount Chief in Gbentu ansässig, der von der Idee des Schulbaus in Gbentu vom ersten Augenblick an begeistert war und die Arbeiten durch die Organisation lokaler Baumaterialen wie Sand und Natursteinen aktiv unterstützt. Daneben organisiert die Mummy Queen, die mächtigste Frau im Ort, die Versorgung der Baustelle mit Wasser: Jeden Morgen, bevor die Frauen des Dorfes auf die Felder gehen, balancieren sie große Wassereimer auf ihren Köpfen und füllen unseren 1000-Liter-Baustellentank. Der Mother Support Club, der Zusammenschluss der Mütter der Schüler*innen der Grundschule organisiert das tägliche Mittagessen für das ganze Bauteam.

Die Schüler*innen, die sich momentan noch in die zwei alten Klassenräume zwängen, recken sehr zum Verdruss der Lehrer*innen immer wieder die Köpfe aus den Fenstern, um die Bauarbeiten in der unmittelbaren Nachbarschaft zu beobachten. Bei jedem Regenschauer werden auch in den Klassenräumen die Hände zum Schutz über die Köpfe gehalten, da das Dach an allen Ecken und Enden leckt. Hier werden wir die bald beginnenden Sommerferien nutzen, um einen Teil des alten Daches mit neuem Wellblech einzudecken. Denn auch nach der Fertigstellung der neuen Klassenräume, soll das Bestandsgebäude weiterhin genutzt werden.

Für unsere Arbeiten in Sierra Leone suchen wir noch erfahrene Bauhandwerker*innen, Ingenieur*innen und Architekt*innen. Ein großer Dank geht derweil an unsere Spender*innen, ohne Sie wäre auch dieses Projekt nicht möglich.