Nord-Irak: Die nächste und wichtigste Etappe!
Internationale Unterstützung ist jetzt wichtiger denn je

24.03.2015Bereits seit August diesen Jahres sind die Grünhelme in der Autonomieregion Kurdistan aktiv und unterstützen bei der Versorgung der Flüchtlinge, die vor dem Terror des IS geflüchtet sind. Anfangs stand unsere Arbeit ganz im Zeichen der kurzfristigen Versorgung der provisorischen Flüchtlingslager: Die Errichtung sanitärer Anlagen zur Verhinderung der Verbreitung von Krankheiten sowie der Vorbereitung und Befestigung der Zelte zum Schutz vor Regen und dem kalten Winter.

Seit Anfang Januar haben wir unsere Aktivitäten auf das Sindschar-Gebirge ausgeweitet, dem Herkunftsort vieler Flüchtlinge, die in der Region Dohuk Zuflucht gesucht haben. Die noch im umkämpften Sindschar-Gebirge verharrenden ca. 10.000 Menschen konnten wir mit inzwischen vier Notlieferungen (Nahrungsmittel, Decken, Matratzen und Kleidung) unterstützen und so ihre Not im harten Winter lindern. Dank der gemeinsamen Anstrengungen von Regierung, Bevölkerung, NGO’s und der Flüchtlinge selbst, konnten die Härten des kalten kurdischen Winters überstanden werden. Die meisten Flüchtlinge sind nun bis zum nächsten Winter materiell weitgehend untergekommen, in großen Flüchtlingscamps

Flüchtlingslager bleibt Flüchtlingslager

Das sichere Unterkommen in großen Flüchtlingslagern bedeutet aber weiterhin Flüchtling zu sein – abhängig von anderen und vor allem darauf beschränkt, auf eine Perspektive zu hoffen. Gerade das Schaffen einer Aussicht auf ein „nicht mehr Flüchtling sein“ ist einer der wichtigsten Schritte zur Überwindung dieser Krise, von der im Nahen Osten inzwischen weit mehr als vier Millionen Menschen betroffen sind. Leider steht dieser entscheidende Schritt, der Wiederaufbau, noch nicht im Fokus. Er ermöglicht den Menschen eine Rückkehr in ihre befreiten Heimatregionen und gibt ihnen ein Stück ihrer Selbstbestimmung zurück, die in den Flüchtlingscamps auf der Strecke bleibt.

Die Grünhelme verschaffen sich einen Überblick in und um Zumar

Im März haben sich die Grünhelme daher auf den Weg von Duhok nach Zumar gemacht, um sich dort einen Überblick über die zerstörten Gebiete zu verschaffen. Zumar befindet sich außerhalb des offiziellen Kurdischen Autonomiegebiets im Gournement Ninewa, die Bevölkerung ist teils kurdisch, teils arabisch. Es liegt etwa 10 Kilometer südlich des großen Stausees von Mosul und etwa 50 km nordöstlich von Sindschar. Die Stadt beherbergte einst über 100.000 Einwohner und wurde im letzten Sommer von den IS-Milizen vollständig eingenommen. Am 25. Oktober 2014 gelang es den kurdischen Kräften jedoch, die Kontrolle über die Stadt und die umliegenden Dörfer zurück zu gewinnen. Obwohl die Gegend mittlerweile als gesichert gilt, sind bisher nur etwa 60 Prozent der Bevölkerung zurückgekehrt, was vor allem daran liegt, dass Teile der Stadt völlig zerstört wurden.

Schon auf unserem Weg nach Zumar treffen wir auf Dörfer, in denen das meiste nicht mehr vorhanden ist. So steht in einem Dorf beispielsweise nur noch die Moschee. Sie ist das einzige noch erhaltene Gebäude, alles andere liegt in Schutt und Asche. In Zumar selbst sind wir sehr willkommen und es wird vor allem der Wunsch geäußert, die öffentlichen Einrichtungen wieder aufzubauen. Keine der fünf Schulen ist derzeit nutzbar, drei sind sanierungsbedürftig, eine eventuell einsturzgefährdet und eine weitere, vor kurzem neu errichtete Mädchenschule, wurde komplett zerstört. Die Gebäudesubstanz des Krankenhauses ist zum Glück noch voll intakt, allerdings wurde das gesamte wertvolle Inventar entwendet oder verwüstet. Darüber hinaus findet man in der ganzen Stadt zerstörte Wohngebäude. In einem Dorf namens „Kanisherin“, etwa fünf Autominuten von Zumar entfernt, das gleiche Bild: Auch hier wurde die Schule von Bomben vernichtet.

Ein weiteres Problem sind nach wie vor die Strom- und Wasserversorgung der Region. Der Strom wurde ursprünglich aus dem Tal Afar bezogen. Diese Gegend ist leider immer noch in der Hand des selbst ernannten Islamischen Staates und damit die Stromversorgung vollständig gekappt. Die Wasserversorgung konnte teilweise wieder hergestellt werden, dennoch mangelt es vor allem in den kleineren Dörfern immer noch an frischem Wasser. Einer unserer Begleiter zeigt uns zum Abschluss noch sein eigenes Heim. Es wurde dem Erdboden gleich gemacht. Seine Familienangehörigen leben derzeit in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Dohuk als so genannte „interne Vertriebene“ („Internally Displaced People“ – IDPs). Eine Rückkehr ohne ein Zuhause ist ihnen unmöglich.

Die internationale Unterstützung ist jetzt wichtiger denn je

Die Regierung der Autonomieregion ist durch den anhaltenden Konflikt finanziell stark gebeutelt, zumal der Geldmittelfluss aus Bagdad unterbrochen ist. Die internationale Gemeinschaft sollte insbesondere für den Wiederaufbau und die Rückkehr der Menschen ihre Unterstützung zusichern, denn sonst ist eine Stabilisierung der Region nicht zu erwarten. Wir Grünhelme wollen so schnell wie möglich mit dem Wiederaufbau der Schulen in der Region Zumar beginnen und suchen dringend Handwerker und Ingenieure, die bereit sind tatkräftig vor Ort mit anzupacken.

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