Südafrika wird die Fußball WM schaffen
…besser als wir das für möglich halten

Wir fiebern ja alle der ersten afrikanischen WM entgegen. Experten sagen uns einen Jubel und eine fröhliche Begeisterung voraus, die die Fernsehschirme in Europa zerspringen lassen wird. Die Vuvuzelas sind vorsintflutliche Plastiktröten. Damit wird das Publikum europäische Spitzenspieler schon durch die unmäßige Kraft dieser Anfeuerung betäuben. Unter den Büchern, die sich über die zukünftige WM verbreiten, darf eines als das Beste für uns erscheinen, weil es auch eine Liebeserklärung an Afrika enthält. Es hat den Titel LADUUUUUMA und im Untertitel: Wie der Fußball Afrika verzaubert. LADUUUMA heißt TOOOR. Und das U wird so lange und laut gesungen oder gegrölt, dass es mit triumphaler Macht daherkommt.

Der Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung Die ZEIT hat uns im Oktober 2008 bei der Eröffnung unseres GRÜNHELME-Nelson Mandela Educational Centres in Ntarama/Ruanda begleitet und besucht. Bartholomäus Grill hat den Fußball als das nicht zu überschätzende Vehikel zur Nation-Werdung und den Aufbau eines Staates so wunderbar beschrieben, dass man sich am Ende fragt: War das nun ein Buch über den Fußball oder mehr noch eines über den Kontinent Afrika?

Dass Fußball nicht überschätzt werden kann in Afrika, das war uns schon immer bewusst. Grill: Der Fußball hatte eine überragende Bedeutung auf der Gefängnisinsel Robben Island. Nelson Mandela, der dort 27 Jahre unter demütigenden Bedingungen die besten Jahre seines Lebens einsitzen musste, hat sich dazu geäußert: „Wir betrachteten den Kampf im Gefängnis als Mikrokosmos des Kampfes insgesamt. Wir würden drinnen genauso kämpfen wie wir draußen gekämpft hatten. Der Rassismus und die Unterdrückung waren die gleichen; ich kämpfte einfach zu anderen Bedingungen“.

Die Gefangenen freuten sich auf den Samstag, wenn sie dann Fußball spielen durften. Sie bauten ganze Ligen und Fußballmannschaften auf. Sie benannten die Liga, unter denen die Gefangenenmannschaften spielten, erst „Matyeni“, das heißt „Steine“, weil sie ja im Steinbruch arbeiteten. Der neue Name war 1970: „Makana Football Association“. Makana erinnerte an den Häuptling und Propheten der Xhosa, der Anfang des 19. Jahrhunderts einen Aufstand gegen die britischen Kolonialherren geführt hatte. Makana Xele wurde auf diese Robbeninsel verbannt und ertrank bei einem Fluchtversuch per Boot zusammen mit 30 Mitgefangenen im Meer. Wir wissen von dieser Fußballgeschichte auf Robben Island über einen Mitgefangenen, der die Geschichte dieses Gefängnis-Fußballs geschrieben hat („Insel in Ketten“ heißt die deutsch erschienene Übersetzung): Indres Naidoo.

Das war die Infragestellung all der herrlichen Vorurteile, die wir uns immer für die Schwarzafrikaner zusammengelegt hatten: Sie seien faul, träge, nichtsnutzig, dem dolce fare niente ergeben. In dem Gefängnis wurde eine Universität aufgebaut: Mandela sagte es: „Ich habe festgestellt, dass man das Unerträgliche ertragen kann, wenn man die Stärke seines Geistes bewahren kann“. Sie spielten damals auch Theater: Brecht, Gorki, Tschechow. Die „Antigone“ des Sophokles wurde geradezu das Schlüsselstück, ein Lehrstück über die Auflehnung eines Individuums gegen den Staat. Antigone lehnt sich gegen den ungerechten Tyrannen Kreon auf, weil der König sich weigert, ihrem toten rebellischen Bruder Polyneikes ein standesgemäßes Begräbnis zu gewähren.

Das Buch enthält zudem alles, was wir über diese ganz besondere Form des afrikanischen Fußballs wissen sollten. Im Eingangskapitel beschwört Grill noch mal die Begeisterung darüber, dass jetzt endlich die Fußball WM in den Kontinent kommt, wo der Fußball den größten Einfluss hat.

Er beschreibt in einem Kapitel die Magie, die Sangomas, die Inyangas, also die Zaubermeister, die von den höchsten Generalstäben der besten Clubs und Nationaltrainer angerufen werden vor den Spielen: „Wenn die Ahnen grollen“. In einem weiteren Kapitel „Die vergessene Pavianpfote“ geht der Autor den Magie- und Hexen-Praktiken nach, die aus den Fußballfeldern Afrikas ihre Triumphe feiern. Das ist für die Betroffenen manchmal höchstgefährlich, weil das Zauberwesen noch nicht säkular enttarnt ist. So wurde 2002 beim Halbfinale (des Africa Cup)von Mali gegen Kamerun der Assistent von Trainer Winnie Schäfer dabei beobachtet, wie er ein Pülverchen auf den Rasen gestreut hatte. Polizisten legten den Mann in Handschellen. Ausschreitungen konnten nur verhindert werden, weil der Assistent Thomas Nkomo vom Fußballfeld verbannt wurde.

Das kann auch noch schlimmer kommen, wenn z.B. in Butembo im Kongo beim Spiel der Teams Nyuki gegen Socokai der Torwart der Nyuki dabei beobachtet wurde, wie er das Spiel mit Zaubersprüchen manipulieren will. Erst fielen die gegnerischen Spieler über ihn her, dann stürmten die Anhänger aufs Feld, dann setzte die Polizei Tränengas ein. Neunzehn Tote waren die Folge solchen Hexenglaubens, der also nicht nur auf die leichte Schulter zu nehmen ist. Bartel Grill beschreibt, dass es eine afrikanische Krankheit in den Führungsetagen der Regierungen wie der Sportverbände gibt, eine grassierende Korruption. „Der große Fettsoßenentzug“. Wie in der Politik so raubt auch im Fußball die Korruption der Jugend die Zukunft.

Grill gesteht aber realistisch ein: Fußball kann Menschen und Völker versöhnen. Aber er schützt nicht vor der Barbarei, wie wir aus Ruanda wissen, wo es gegen und trotz Fußball zum Völkermord der Hutu gegen die Tutsi kam. Grill ist ganz zuversichtlich – und wir als Leser mit ihm – dass dieses neue Südafrika die Herausforderungen der Fußball WM meistern wird. Beim Leser keimt die Gewissheit, dass in dem Kontinent, in dem Fußball eine größere Rolle spielt als in unserem Europa, eine afrikanische Mannschaft gewinnen muss. Beim Sieg des afrikanischen Teams wird es sich Nelson Mandela nicht nehmen lassen, persönlich den WM-Cup der afrikanischen Mannschaft zu überreichen.

Grill gibt einen realistischen Einblick in die Fußball-Nationalmannschaft Bafana Bafana, die in den letzten Jahren nicht mehr so begeisternd gespielt hat. Sie neigt zu Selbstüberschätzung. Der Autor beschreibt, wie in der Zeit der Apartheid sich die Rassentrennung auch in den zwei Sportarten austobte: Rugby war der Sport der Weißen, mit den Springboks als ihrem Maskottchen geradezu. Fußball wurde der Sport der Schwarzen.

Bartholomäus Grill: Laduuuuuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert. Hoffmann und Campe Hamburg 2009 255 Seiten

 

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