Syrien, 5. Oktober 2012
Ein Tagebucheintrag von Rupert Neudeck

09.10.2012Aufgewacht und wieder begrüßt von der Syrischen Netzwerkmeldung: „Ministry of Tourism of Syria welcomes You in Syria. Call 156 for Tourism information and complaints“. Der Freitag in muslimischen Ländern ist für den humanitären Arbeiter immer erst ein Tag der Toten Hosen, denn es gibt bis zum Mittag oder genauer bis zur Zeit nach dem Freitagsgebet nichts zu tun. Man hat hier keine Familie, und wenn man in der Stimmung ist, sich klarmachen zu müssen, dass man hier nur wenige Tage Zeit hat, ist das schwierig zu ertragen.

Da passiert wie aus heiterem Himmel etwas, was uns die ganze Tragweite der Lage klarmacht. Plötzlich geht unser Mitarbeiter Saru, wir stehen vor der kleinen Lobby des Krankenhauses, auf einen Syrer zu und prügelt sich fast. Man kann es sofort sehen, da ist einer oder sind gleich beide beleidigt worden und nicht zu trennen. Saru wird noch wütender, weil er sich subjektiv im Recht wähnt und will als derjenige auch gleich zum Imam oder zum Schariagericht um die Ecke gehen. Er geht auch los, der Mann, der militärische Hosen trägt und eine Handschelle am Gürtel, ist wohl ein Soldat und Polizist. Der mit dem Motorrad hinterher, dann wieder zurück zum Hospital, nach dem der Imam nicht da war, eben Freitag.

Da ist schon Ido sichtbar mit einer Pistole am Gürtel angekommen und versucht mit milder Schärfe zu glätten. Dann gelingt einem Verwandten die Versöhnungsszene, der Soldat umarmt den Saru und küßt ihn auf beide Wangen. Doch es ist es noch nicht zu Ende, wir sollen uns noch aussprechen, sitzen in dem kleinen Salon, einer Art Wartezimmer des Krankenhauses mit je vier Sesseln, die sehr verschlissen sind. Der Soldat hat seiner Wut darüber Ausdruck gegeben, dass wir Ausländer hier wären, denn von den Ausländern komme alles Unglück, nie irgendwelche wirkliche Hilfe, sondern Unglück. Darauf ist Saru wohl auf ihn losgegangen. Die Ausländer hätten einmal einen Angriff auf einen Platz lenken können, nur weil vorher ausländische Journalisten dort waren.

Er erzählt, wie er verletzt worden ist in dem Krieg. Wie man ihn rekrutiert hat von einem Scheich in Aleppo für Al Quaida, damit er dann in den Irak gehen sollte, was er auch mit fünf anderen getan hat, und in dem Krieg (der USA gegen Saddam Hussein) wurde er als Kanonenfutter missbraucht, man sagte dem Gegner, wo die Syrer wären, um die abzuschlachten. Sie sind dann zurückgegangen – zwischendurch zeigt er uns seinen Ausweis der Free Syria Armee und seinen Personalausweis – sie wurden in Syrien gleich verhaftet und kamen ins Gefängnis, er konnte untertauchen, auch, weil er sich keiner Schuld bewusst war.

Er erzählt uns noch andere Räubergeschichten, die aber in so einer Situation auch alle wahr sein können. Nasrallah wollte eine Armee von 30.000 Leuten noch nach Syrien schicken, um das Land für Assad und den Iran zu bewahren. Jedenfalls beruhigte sich das Ganze, das dadurch angefangen hatte, dass dem Saru sein Hemd zerrissen wurde. Ich glaubte, es ginge dabei um unseren Mitarbeiter Bernd, weil es immer auch um die Arme von Bernd und seine Tätowierungen ging. Aber so kann man sich vertun, wenn man in einem Land ist, dessen Sprache man nicht versteht. Dass ich nicht mal einen Studienaufenthalt zum Arabisch Lernen im Libanon vor zwei Jahrzehnten von einem oder zwei Monaten genommen habe, in den Chouf Bergen z. B., das bedaure ich jetzt.

Bernd und Saru hatten uns schon vorher gesagt, dass die ersten Arbeiter erst 10.000 pro Tag, dann 15.000, dann 25.000 dann 30.000 Syrische Lira verlangt hätten. Dann seien sie zum Imam gegangen, haben dem erklärt, dann würden wir mit dem vorhandenen Geld nur ganz wenig machen können. Daraufhin ist mit dem freundlichen Befehl des Imam und der Zustimmung der Leute der Lohn von 8.000 Lira vereinbart worden.

Die Leute einer anderen Hilfsorganisation zahlen 20.000 Lira und mehr für die Arbeiter und Angestellten, die sie in dem Hospital haben, das ich mit dem Bernd heute auch besucht habe. Sie würden jeden Tag von 9 bis 15 Uhr arbeiten und dann nach Kilis fahren. Zur Unterkunft. Das kann ich nicht so gut finden. Denn das ist ja eine in mehrfacher Hinsicht falsch angelegte Arbeit, am falschen Ort, mit falschem Rückzug, mit falscher Investition ohne Vorbild.

Gestern gingen wir ganz kurz zum Imam, dem Chef der Scharia-Gerichte, der auch die Aufgabe hat, hier die fundamentalistischen Gelüste von einigen Salafisten zu mäßigen und einzudämmen. Wir wurden herzlich empfangen. Er machte auf mich einen sehr guten, gebildeten, milden Eindruck. Es wurde ein Jugendlicher hereingeführt, der in Aleppo ein Motorrad geklaut hatte, das ihm nicht gehörte, der Vater war in Azaz ganz wütend darüber, und hatte ihn mitsamt dem Besitzer, der sich gefunden hatte, vor diesen Imam und sein Scharia-Gericht geführt. Unser Aiman (Mazyek) müßte den mal kennenlernen, ich könnte mir vorstellen, dass die beiden sich gut verstehen würden.

Ich treffe jemanden, der Abed al Salam heißt und aus Afrim und Englischlehrer ist. Der will wissen, wer uns hierher geschickt hat?! Man kann sich in solchen Städten nicht vorstellen, dass man irgendetwas aus eigenem Antrieb macht, mit den Spenden aus der Bevölkerung, mit der Zustimmung nur der eigenen Organisation einfach so macht, hierherkommt und mit der Arbeit beginnt.

Das ist wirklich eine tolle Sache, dass wir so etwas tun können. Ich spreche sehr lange mit dem jungen Kerl, der bedauert, dass er so wenig Übung mit dem Englischen hat. In Afrim wäre die PKK, die er auch nicht mag, aber die Stadt ist ruhig und wenn wir sagen würden, dass wir aus Deutschland kommen, wäre alles okay.

Morgen also soll es nach Afrim gehen und schon wieder sind hier Bedenkenträger an der Arbeit. Ich weiß nur, dass wir morgen noch was machen müssen, denn nur Arbeiten beauftragen ist nicht richtig. Der deutsche Journalist aus Berlin, Frank Nordhausen hatte heute den Anfang des Ade ASSAD-Liedes von Ido haben wollen, dass dieser uns hier vor vier Wochen vorgeschmettert hatte. Wir haben den Anfang übersetzt:

„FREI, Frei, Frei
Wir wollen die FREIHEIT!
Oh Baschar, die FREIHEIT werden wir erzwingen.
Die Freiheit werden wir bekommen…“

 

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