Syrische Rebellion
Tagebucheintrag vom Samstag, den 6. Oktober 2012

Die letzte Ordnung, die uns bleibt, ist die militärische. Und man kann sich über das Gelingen dieser Ordnung nur bedingt freuen, denn es ist wirklich die letzte Ordnung, in dem Sinne, dass alle anderen verloren gegangen sind. So gibt es hier eine Militärordnung, die penibel eingehalten wird, während alle anderen nicht mehr gelten. Es gibt keine Schulordnung, es gibt keine Verkehrsordnung, es gibt keine Berufsordnung. Alle warten wieder darauf, dass die Kinder wieder in die Schule gehen können, dass sie wieder ihren Geschäften nachgehen können, aber richtig, dass sie wieder Rechtsanwalt und Arzt und Krankenschwester mit einer Perspektive sein können.

Ohne diese ersten Ordnungen verwahrlost eine Gesellschaft. Deshalb muss der Krieg der Regierung gegen ihre Bevölkerung jetzt wirklich bald ein Ende haben. Die Weltgemeinschaft zögert ja nicht nur mit militärischen Mitteln. Sie zögert auch mit der Klarheit, die sonst so schnell da ist, wenn man sie WILL. Warum ist dieser Baschar Al Assad noch nicht der Kriegs und Menschheits-Verbrechen angeklagt, in Den Haag? Warum hofiert der UNO-Sondergesandte ihn immer noch mit einem Protokoll-gerechten Besuch in seinem Palast und plant schon den nächsten, anstatt zu den Menschen in Azaz oder Afrim zu gehen, die weiter von dem Geräusch einer MIG des Henkers von Damaskus zu Tode erschrocken sind, wenn sie das Geräusch zu tage oder bei Nacht hören?

Wir hatten vorgestern schon ein Erlebnis, das mit zu den Furchtbarsten gehört, weil es so unscheinbar ist. Bernd und ich (Saru war gerade woanders) kamen von der Schule, die wir rehabilitieren und sehen plötzlich auf der Straße vor dem Hospital etwas ganz schreckliches. Ein Pulk von sieben acht kleinen Kindern, ich vermute von 2,5 Jahren bis elf Jahren, sind dabei mit großer Freude eine ganz junges niedliches Kätzchen mit Steinen so gewaltsam zu bewerfen und mit den Füßen zu treten, dass wir näherkommend, sofort schreiend Einhalt gebieten wollen, aber zu spät. Aber diese Kinder sind nicht in der Lage einzusehen, dass sie nicht nur mit dem Kätzchen gespielt haben und dabei dieses ermordet haben. Ein älterer Mann kommt hinzu und vertreibt sie, er zuckt irgendwie mit den Schultern und scheint zu sagen: So ist das im Krieg.

Heute Morgen haben wir beide, Bernd und ich, unabhängig voneinander uns sagen müssen, dass uns dieses Bild – neben allen schrecklichen Bombentrichtern, Leichen, ausgeweideten Häusern und Autos als das schrecklichste erscheint, denn das ist nicht kindgemäß. Diese Kinder wachsen unter verstörten Erwachsenen und Eltern auf, die alle nur ohnmächtig mit der Faust gegen den Himmel weisen und schreien können, wenn dann wieder eine MIG oder ein Hubschrauber am Himmel auftaucht und das Schreckliche ankündigt, nämlich den Abwurf einer 400 kg Bombe. Das Regime begeht ausdrücklich die Verbrechen, die von der Haager Landkriegsordnung und den Rote Kreuz Konventionen nun mal verboten sind. Schulen und Hospitäler haben wir in vier Ortschaften systematisch bombardiert und zerstört erlebt und gesehen.

Wir waren heute – nachdem der erste und der zweite Tag und die beiden Nächte ruhig waren und wir uns schon gegenseitig den Spruch zuwerfen, dass die syrische Kriegspartei für die Zeit meines Besuches auf Angriffe verzichtet hat – in der näheren Umgebung. Also in drei Dörfern in Richtung Aleppo und einem Ort in Richtung Norden. Wie schwierig diese militärische Ordnung einzuhalten ist, wird uns deutlich, wir mussten in zwei Orten bei aller Sympathie wegen der Angst, die dort herrscht erst mal in gewisser Weise befragt werden, die Pässe wurden angesehen und man erlaubte uns an einem Ort nicht, alleine die Schulen zu sehen, die wir sehen wollten.

Man muss zwischendurch noch mal sagen, wie barbarisch dieser Assad sich ins totale Unrecht und Verbrechen gesetzt hat durch den Befehl, alle Schulen und auch einige Hospitäler durch die Luftwaffe und die Panzer zu zerstören. Wir haben heute vier Schulen gesehen, die so zugerichtet wurden, dass sie nicht mehr ans Netz gehen können. Wir sind auf der Straße nach Aleppo mit zwei Motorrädern gefahren, auch um den Dolmetscher und Krankenpfleger Musa mitzunehmen aus Azaz. Musa ist der einzige, der so viel Englisch kann, dass wir ihn auch für das Übersetzen brauchen können. Saru war vormittags beschäftigt, die Firma, die das Gebäude der ersten Schule der GRÜNHELME an den Wänden verputzen will einzuweisen.

So kamen wir an den ersten Ort, der zufällig auch der Lebens und Geburtsort von Musa ist: Kafar Kalbin. In der Schule leben 30 Flüchtlinge aus Aleppo, die von dort vor einem Monat gekommen sind, weil sie es nicht mehr erträglich fanden. Die Bedingungen sind für jemanden, der afrikanische oder balkanesische Lager kennt eher gut. Denn die Menschen haben ein Dach über dem Kopf und sie haben auch Wasser, und Storm und ein freundlich-sympathisches Umfeld. Natürlich leben sie beengt, aber das größte Problem teilen alle Menschen in Syrien: Sie möchten gern wissen, wann die internationale Staatengemeinschaft nun die Flugverbotszone einrichtet und damit das Regime von Assad zum Stürzen bringt.

Wir hatten eine elendiglich lange Abenddebatte gestern (5.10.) mit Haj Omar (0944-245195), der uns sagen wollte: Wir MÜSSEN heute nach Aleppo fahren, um den 900 Menschen in seinem unmittelbaren Einfluss und Familienbereich etwas zu essen oder einfach Geld geben. Wir sind darauf nicht eingegangen. Ich hatte dann noch alternativ vor, nach AFRIM zu gehen, denn das ist ein Ort, der nur eine halbe Stunde von hier entfernt liegt. Aber das hätte unsere jetzigen Freunde und Gastgeber nicht gut gefunden, denn da sitzt die PKK ganz fest im Sattel und lässt sich auch nicht vertreiben. Sie ist in der Lage, sowohl von Assad Waffen zu erhalten wie die Unterstützung der türkischen PKK zu genießen, die natürlich sowohl mit der Türkei wie mit den Syrern über Kreuz liegt.

Also haben wir uns auf den Weg in vier F.S.A. Dörfer gemacht. In Kafar Kalbin mussten wir natürlich einmal in das Geburtshaus von Musa, um dort einen Kaffee zu trinken. Und die arabische Gastfreundschaft gebot mir, zuzusagen, dass ich beim nächsten Besuch einen Abend reserviere, denn die Eltern von Musa wollten mich dann zu Abendessen einladen. Vater von Musa war syrischer Polizist und hat fünfzehn Jahre in dem Hafen Tartus gearbeitet, der durch die russische Mittelmeerbasis jetzt und durch das ständige russische Veto im Weltsicherheitsrat der UNO traurige Berühmtheit bekommen hat.

Wir kamen in die 10.000 Einwohner Stadt Kalebreen, wo eine Bombe vor zwei Wochen gefallen ist und eine Schule getroffen hat. Es ist eine Schule für insgesamt tausend Schülerinnen und Schüler, die am 10. September getroffen wurde. Dann ging es weiter nach Tal RAFAT (Refat ist einer der Könige aus aramäischer Zeit, Tal ist Hügel), der berühmte und wichtige Ort der Widerstandsbewegung. Hier schlägt das Herz und ist ein Ausgangspunkt des Widerstandes von F.S.A in Syrien. Von hier, nicht von AZAZ ging der größte Widerstand aus. Wir waren in die Stadt gekommen, und schon saßen wir vor der Schule, war ein Sicherheitsmilitär da mit einem Auto um uns in ein zivil militärisches Rathaus zu bringen. Dort erst MISSTRAUEN, denn man hat Angst vor Ausländern, seit an einem Ort, wo westliche Journalisten waren, auch gleich danach Bomben fielen. Wir sollten uns ausweisen, was wir taten. Man war dann wie immer freundlich, bot uns einen Kaffee an. Aber wir wurden in einem Wagen der Militäradministration herumgefahren, durften nicht selber mit unserem Motorrad fahren. Um eine Schule uns anzusehen, die man nur abreißen kann, die nicht zu reparieren ist, und um eine zweite Schule zu sehen, die zu rehabilitieren wäre.

Danach zogen wir los nach Mare. Dort wurden wir am Eingang schon blockiert und mussten stehen bleiben, bis jemand von der Militärverwaltung kam und uns zu einem Checkpoint abholte. Dort auch noch langes Palaver, bis wir mit dem Kommandeur sprechen konnten, der uns bat noch zehn Minuten zu warten, dann wäre er da. Er war sauer, dass wir einfach gefahren sind, und nicht vorher uns angemeldet haben. Er gab mir seinen Namen und Telefonnummer in mein Buch Yasser al Haji.

Ein gut organisierter Kommandeur, der gut englisch sprach und sich mir gegenüber damit rüstete, dass er den Spiegel und die ZEIT von deutscher Seite gesprochen habe. In dem Ort gibt es eine Primärschule, die in einem Gebäudeteil durch einen Volltreffer aus einem Panzerrohr total hinüber ist, und dessen Schulplatz von zwei großen Bombentrichtern gezeichnet ist.

Danach fuhren wir zurück. Heute Abend haben wir den Imam und neun weitere Mitarbeiter des Islamischen Gerichts eingeladen zum Abendessen. Das Islamische Gericht hat auch die Aufgabe, den Einfluss der neu aufkommenden Salafisten und die islamistischen Djihadisten zurückzudrängen.

 

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