Tent of Nations: Ein bemerkenswertes Projekt
Zu einem Arbeitsbesuch auf „unserem“ Berg Daher und bei einer Lesung im Goethe Institut in Ramallah

12.05.2010_1Ich hörte hier an der Grenze von Israel zum Westjordanland, direkt in der Schule Talitha Kumi: es wurden schon 4.000 Bücher zum Nahostkonflikt geschrieben. Es scheint der Konflikt sei dazu da, “dass man über ihn schreibt, anstatt dass man ihn löst“. Dieses Gefühl von Vergeblichkeit muss man schon sehr absichtlich und brachial in sich abtöten, ehe man sich wieder an die Arbeit macht.

Wenn man aber dann die Dankbarkeit von Daoud Nassar erlebt, dem wir auf seinem Weinberg Daher die Solaranlage eingerichtet und am 3. Februar 2010 eröffnet haben, dann weiß man, was man da tut. Und wenn man die Dankbarkeit der 900 Schülerinnen und Schüler in der besten Schule in Palästina erlebt, der von der Evangelischen Kirche unterhaltenen und der Bundesregierung unterstützten deutschen Auslandsschule Talitha Kumi, dann weiß man es auch.

Auf dem Berg sind die Leute um Daoud Nassar mit mir herumgegangen und wir haben ausgemessen, Positionen für ein, zwei Werkstatthallen (30 mal 10 m), ein Internat, eine Mensa, eine Freiluftesssaal und ein Lehrerwohnheim (30 mal 6 m). Mut hat uns der Brief gemacht, den die Grünhelme aus dem Bundeskanzleramt bekamen. Im Auftrag der Bundeskanzlerin schrieb uns ihr Außenpolitik Berater Dr. Christoph Heusgen: Für die geplante Errichtung einer Lehrwerkstatt mit angeschlossenem Internat sollten wir uns auf der „Grundlage eines konkreten Projektvorschlages eine Baugenehmigung bei der israelischen Militärverwaltung beantragen“. Wir sollten dabei Kontakt halten zu unserer Botschaft in Tel Aviv und dem Verbindungsbüro in Ramallah, „die das Vorhaben begleiten werden“.

Und: „Die Begegnungsstätte Tent of Nations ist in der Tat ein bemerkenswertes Projekt, den ich auch für die in Zusammenarbeit mit der Talitha Kumi Schule geplante Einrichtung zur beruflichen Bildung Erfolg wünsche“. Das schlug hier ein wie eine Bombe: ein so optimistischer und zuversichtlicher Ton, ein so freundlicher Brief, der dieses Unternehmen aus der Warte eines der mit Israel am besten verbündeten Länder – das verheißt uns: Es wird gelingen. Also haben wir uns aufgemacht und ausgemessen, der Berg ist groß genug, drei solcher Schulen zu tragen.

Ich war am 10. Mai mit Daoud Nassar auf dem Wege von Beit Jala nach Ramallah. Auf der Karte eine Fahrt, die eigentlich selbst mit Berücksichtigung eines kleinen Staus am Morgen nicht länger als 20 Minuten dauern muss, sagen wir 30 Minuten. Aber wir mussten ja Jerusalem umfahren, weiträumig und kamen nach anderthalb Stunden in Ramallah an, der sog. Hauptstadt des Noch-Nicht-Staates Palästina. Zu meiner Überraschung hatte mich das dortige Goethe Institut und deren Leiter Jörg Schumacher eingeladen zu einer Lesung aus meinem Palästina Buch „Ich will nicht mehr schweigen. Recht und Gerechtigkeit in Palästina“ (Neu Isenburg 2005). Ich hatte vorher vier Stellen aus dem Buch durchgegeben und die wurden nun von dem Arzt und besten deutschen Übersetzer palästinensischer Literatur Mohammed Abu Zaid vorgetragen nach der Lesung der deutschen Texte.

Danach entwickelte sich etwas, was ich in der dramatischen Authentizität noch nie so stark empfunden hatte im Goethe Institut, das zugleich das Deutsche-Französische Kulturinstitut ist für Palästina und die Palästinenser. Ein wunderbar offenes und ernstes öffentliches Nachdenken über die verpassten Chancen, über die zu enge Bindung der deutschen Politik an die Israels, über die Vernachlässigung der Rechte und Interessen der Palästinenser in deutscher Politik. Die ersten Fragen stellte einer der bekanntesten Journalisten in Palästina.

Wir kamen auch auf die Grünhelme Projekte, zumal auf das, was wir im Anschluss an die Solaranlage auf dem Weinberg daher vorhaben: das Berufsschulzentrum Nelson Mandela. Man war sich in der Runde der palästinensischen Intellektuellen einig, dass man viel zu viele Universitäten und Akademiker in dem Noch nicht Staat hat, aber dass genau solche Berufsschulen fehlen. Ich sollte versuchen, dem Premierminister Salam Fayad von diesem Projekt zu berichten, bevor dieser auf hochrangige Einladung der deutschen Bundesregierung am 18. Mai nach Berlin zu Verhandlungen kommen wird.

Eine sehr schöne Veranstaltung. Zurück wurde ich dann von einem journalistischen Kollegen nach Tel Aviv gefahren. Und wir durften nun die sog. „Apartheid Autobahn“ von Qalandia an Jerusalem vorbei nehmen und waren in sage und schreibe – 45 Minuten in Tel Aviv in der Wohnung dieses deutschen Journalisten. Das ist aber ein Weg, den kein Palästinenser nehmen darf. Apartheid?

Wir haben für die Berufsschule zwei Namen ausgewählt, die uns Mut machen sollen. Einmal möchten wir die Schule NELSON MANDELA VOCATIONAL CENTRE nennen. Zum andere möchten wir sie „Das Licht der Welt“ nennen, weil wir ja jetzt vom Sonnenlicht dort nicht mehr abgeschnitten werden können.

Daoud Nassar, unser junger (er wird in diesen Tagen 40 Jahre jung!) palästinensischer Freund hat sich das Motto aus dem Evangelium von Matthäus (5.14-16) ausgewählt: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten“. „You are the light of the world. A City that is set on a hill cannot be hidden”.
Wir werden demnächst unsere Pläne für dieses Berufsausbildungsprojekt fertig stellen, das so dringend ist wie das tägliche Brot für die jungen Palästinenser.

 

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