Unser Schulprojekt in Kani Sheerin wächst
Nach einem Besuch kurz vor Weihnachten im Nordirak

Teaser_30.12.2015Es war nun schon ein ganzes Jahr vergangen, dass die Peschmerga der Kurdischen Nordirak-Entität die erste Stadt von den IS-Banden befreit hatten: Zumar heißt die Stadt. Und wenn man sie kurz vor Weihnachten 2015 sieht, also ein Jahr später, ist man ganz begeistert, denn hier gibt es wieder ein ziviles Leben, ein großes Geschäftsleben, das in verschiedenen Gassen aufgeteilt ist, die sich nach den verschiedenen Gewerken und Berufen organisieren. Es gibt Verkehr, es gibt ein großes Flanieren durch die Geschäftsstraßen.

Zumar sah vor sechs Monaten noch wie eine tote Stadt aus. Heute ist hier schon eine wirtschaftliche, soziale und demografische Entwicklung zu erkennen, die einen Besucher staunen lässt. Auch in Zumar war es das Spiel der Barbaren vom IS, den Hass durch Zerstörung zu produzieren und zu multiplizieren. Auch hier erzählen die Menschen heute davon, dass die Häuser, die zerstört wurden, vorher markiert wurden als solche von Nicht-Arabern. Man kann heute schon sagen, dass vor der kurdischen Gesellschaft eine ungeheuerlich große Aufgabe wartet: Eine mögliche Befreiung der ganzen Region wird es nur geben können, wenn die kurdische Gemeinschaft die Kraft, die Fähigkeit und die Stärke aufbringen kann, nicht mit ähnlicher (Rache-)Münze heimzuzahlen und mit den Arabern weiter wie in der Vergangenheit möglichst zusammen oder nebeneinander zu leben.

Erstaunlich, wie viele Menschen hier schon zurückgekommen sind; erstaunlich, wie die alten Bazare und Fußgängerzonen wieder funktionieren. Wir gehen zum Bauhändler, der schon wieder ein prall gefülltes, gut sortiertes Sortiment von allem hat, was man für einen Bau braucht. Wir sehen die Textilgeschäfte, wir staunen über die Nahrungsmittelläden, die einem sich nicht als Supermarkt präsentieren, sondern wie bisher als der bekannte Laden an der Ecke.

Die Grünhelme bauen hier in einer Vorstadt von Zumar, in Kani Sheerin, eine große Mittelschule (für ca. 400 Schülerinnen und Schüler) wieder auf, die zerstört wurde. Zwei große Flügel des Rechtecks, was diese Schule am Ende darstellen wird, sind im Rohbau fertig. Die Schule wird den ganzen Ort nach vorne bringen und er ist als Bauplatz schon heute der Mittelpunkt und die Attraktion der Bewohner. Die Schule wird neun arabische und neun kurdische Eingangsklassen haben, um von vornherein den schleichenden Versuch einer ethnischen Säuberung des Ortes von Arabern zu vermeiden. Jedenfalls versuchen die kurdischen Behörden dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Sie sind den Deutschen und besonders denen, die hierhergekommen sind, um beim Bau dieser Schule zu helfen, ganz besonders verbunden. Das Team wird oft zum Essen eingeladen. Das sind Einladungen, die in der arabischen Hemisphäre, zu der natürlich auch die kurdische gehört, eine pure Selbstverständlichkeit sind – weshalb man sie manchmal auch ausschlagen sollte, denn die Einladungen kosten einiges für die Familien. Aber es ist natürlich für das Bindegewebe der Ortschaft und die die Zukunftsperspektive der Kurden ein schönes Zeichen, zu erfahren, wie stark sich Deutsche hier beim Wiederaufbau in Kurdistan oder dem Nordirak einbringen.

Die Grünhelme sind kurz nach der Eroberung von Mossul nach Kurdistan in den Nordirak gekommen, haben den Kurden, den Christen, den Moslems und den Jeziden geholfen, die in einer Zahl von weit über 1 Mio. vertrieben worden sind. Wir erlebten die Erzählungen der traumatisierten Jeziden, die vom IS zur Vernichtung ausersehen waren. Selten haben wir eine Flüchtlingspopulation erlebt, die so furchtbar gelitten hat. Selten haben wir aber auch ein Gemeinwesen wie dieses Kurdistan erlebt, das Vertriebene aufgenommen und unterstützt hat. Es wäre so schön, wenn ein deutscher Sender – zum Beispiel die ARD oder das ZDF – eine Reportage über das Leben und Miteinander aller Religionen bzw. all derjenigen Menschen drehen würde, die sich im Exil in Erbil oder Sulaimania niederlassen durften. Denn dafür ist das Fernsehen ja da, um uns Dinge aus dieser Welt zu zeigen, die uns dazu bewegen, eben doch an eine bessere Welt zu glauben.

Der Sieg über den IS in Shingal war symbolisch wahrscheinlich eine viel größere Niederlage für den selbsternannten Islamischen Staat als wir uns das im Trauerrausch am 13. November – nach den zeitgleichen Attentaten in Paris – klarmachen konnten. Diesem „Imperialsyndikat“ wurde die Hauptstadt der Jeziden von den Peschmerga und seinen Verbündeten wieder weggenommen. Damit ist auch die wichtige Verbindungsstraße Rakka – Mossul unterbrochen.

Wir haben zu Weihnachten und Neujahr ein starkes Dreierteam vor Ort: Die Leiterin Nicole Sertorelli ist die Baukompetenz in Person und kann auf dem Bauplatz in allen Fragen immer sofort die richtigen Entscheidungen fällen. Neben Nicole ist es der junge Pierre Lambrecht, dem die empfindliche Kälte im Gegensatz zu mir irgendwie gar nichts ausmacht. Das Gleiche gilt von Nico Doering, auch ein starker Grünhelm, der schon die Hitze in Ruanda ausgehalten hat und sich nun im Nordirak als Schreiner und Bautechniker bewährt. Strom und Wasser funktionieren wieder, was aber nicht ausschließt, dass es immer wieder mal zu empfindlichen Stromabschaltungen kommt, manchmal bis zu zwei Tagen. Da es in der Kälte, die Gott sei Dank noch nicht klirrend ist, nur elektrische und Gas-Öfchen gibt, kann das schon zu Entzugserscheinungen führen.

Ich schreibe diese Zeilen kurz vor Weihnachten in Kani Sheerin, nur 40 km von Mossul entfernt. Natürlich wird die Stadt Mossul auch noch fallen, aber dann wird sich die Frage der Zukunft des Iraks als einheitliche Republik noch mal ganz neu stellen. Wir sollten versuchen, die große kurdische Minorität in Deutschland, mit 1 Mio. nach der türkischen die größte, in die eigenen Bemühungen einbinden. Künftig gern mit einem kurdischen Bautechniker und noch wichtiger mit einem Dolmetscher.

Rupert Neudeck / Z.Zt. Kani Sheerin 19.12.15

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