Vietnam verändert sein Gesicht
Ein Besuch im Süden Vietnams

08.12.2014Vietnam verändert sein Gesicht. Nein, noch nicht zureichend genug für viele Vietnamesen im Norden und Süden, auch nicht für den Westen und die Europäische Union, aber es verändert sich. Wir sind bei den Angehörigen einer Familie – auf Deutsch würden wir sagen einer Großfamilie – deren Angehörige überall in Auslandsgemeinden der Vietnamesen im beständigen Exil leben und arbeiten: Deutschland, USA, Frankreich.

Ich frage die einzige zurückgebliebene Familie, wie es Ihnen denn nach der Flucht vieler ihrer Angehörigen gegangen ist und ob sich in letzter Zeit etwas geändert hat. Ja, sagen sie, seit mindestens 15 Jahren habe es mit der Diskriminierung und der ständigen Überwachung aufgehört. Wir sind bei den Angehörigen einer Familie, auf Deutsch würden wir sagen einer Großfamilie, deren Angehörige überall in Auslandsgemeinden der Vietnamesen im beständigen Exil leben und arbeiten: Deutschland, USA, Frankreich. Ich frage die einzige zurückgebliebene Familie, wie es Ihnen denn nach der Flucht vieler ihrer Angehörigen gegangen ist und ob sich in letzter Zeit etwas geändert hat. Ja, sagen sie, seit mindestens 15 Jahren habe es mit der Diskriminierung und der ständigen Überwachung aufgehört. Man kann es auch in der Umgebung sehen, die Katholische Kirche ist äußerlich sehr stark geworden, auf jeden Fall in Saigon oder Ho Chi Minh City. Eine Fülle von Kirchen ist in den letzten 20 Jahren hier gebaut worden. Wir erleben einen funkelnagelneuen Bau, der den Katholischen Kindergarten beherbergt. An die zwanzig Ordensgemeinschaften und Kongregationen nutzen die überstarke und sichtbare Gläubigkeit der Vietnamesen, um auch ihre Ordensgemeinschaften hier durch neue junge Berufungen aufzufrischen.

In einem Ordensgebäude, einer Nonnen-Gemeinschaft, in dem wir uns länger aufhalten, wird einer älteren Schwester erzählt, dass ich in Deutschland etwas mit der Rettung vietnamesischer Flüchtlinge zu tun hatte. Schon spricht mich eine dieser Nonnen auf Französisch an und gibt mir die Telefonnummer ihrer Verwandten in Baden-Württemberg – Sigmaringen mit auf den Weg. Bei einer Tagesfahrt in das Mekong Delta erreichen wir nach vier Stunden Fahrt die Gesundheitsstation, die wir Grünhelme vor sieben Jahren dort gebaut haben: Alle Mediziner sind angetreten, da unser Gastgeber uns die Kontakte zu der Station und der zuständigen Bezirksbehörde gemacht hat. Die Station Tan My ist eine von dreizehn im Bezirk Thanh Binh in der Provinz Dong Thap. Sie wirkt gut aufgeräumt und eingerichtet für die Schwangeren-Vorsorge und Geburtshilfe. Ein zusätzliches Ultraschall-Gerät für die die Gesundheitsversorgung würde aber zur Aufwertung dieser Station beitragen.

Wirtschaftlich ist vieles in Bewegung. Die Verkehrsinfrastruktur wird qualitativ verbessert. Um das Hotel Rex im Zentrum der südlichen Nebenmetropole des Landes wird eine Untergrundbahn gebaut. Dabei wird nicht deutsch, sondern vietnamesisch gearbeitet: Tag und Nacht ohne Unterlaß, 2017 soll sie fertig sein, die Metro von Saigon. Es wird auch höchste Zeit, denn das Land kann sich in seiner Mobilität immer noch glücklich schätzen, dass nicht jeder gleich Autobesitzer wird, sondern Millionen von Vietnamesen das Motorrad oder zumindest das „Moto“, das Moped bevorzugen. Es wälzen sich neben der Autofahrrinne hunderttausende von Vietnamesen allein oder mit zwei-drei Kleinkindern, Müttern, alten Leuten in diesem Verkehr und man ist voller Bewunderung, wie das funktioniert. Der Motorrad-Verkehr ist zugleich eine Emanzipationsmaschine. Man hat den Eindruck, die hübschesten Vietnamesinnen sitzen neben alten Großeltern auf diesen kleinen schnittigen Motorrädern und zeigen der Welt, dass Vietnam im Verkehr und in der Wirtschaft erst mal keine Frauenquote braucht.

Der Tourismus boomt, der Flughafen Thon Nhat, weltberüchtigt aus der furchtbaren Zeit des US-amerikanischen Krieges ist ganz neu renoviert. Er trägt erste Spurenelemente der globalisierten Internationalität, aber noch nicht zureichend. Geht man in den Bookshop findet man nur die alten englischsprachigen Schinken von Do Nguyen Giap und dem dreißig Jahre andauernden Krieg, die diversen Hagiographien zu Ho Chi Minh, und gerade mal als wahrscheinlich erste Errungenschaft: die Internationale Herald Tribune und den Economist.

Es beginnen erste leise Proteste der Religionsgemeinschaften Wirkung zu zeigen. So kämpft auf der Seite der Thu Tiem Halbinsel mitten in Saigon, einem Moloch mittlerweile von mindestens acht Millionen, andere sagen 12 Mio Einwohnern, die ehrwürdige Lien Tri Pagode im zweiten Distrikt ebenso um das Überleben wie die katholische Thi Tiem Kirche. Beide sollen durch einen „Demolition Order“ vom Erdboden verschwinden, weil die Regierung dort eine neue Stadt aus dem Sumpf der Halbinsel entstehen lassen wird. Es hat sich ein Ökumenischer Multi-Glaubensrat in Vietnam gebildet, aus den Anhängern des Buddhismus (also der Mehrheitsreligion des Landes), der Katholiken, der Protestanten und der beiden vietnamesischen Glaubensgemeinden Hoa Hao und Cao Dai und sie haben, wie uns gesagt wurde, vergleichsweise erfolgreich schon interveniert, auch durch Besuche der außenliegenden Gemeinden der Katholiken. Denn das Umfeld der Pagode und der Kirche ist schon eingeebnet und wird schon neu fundamentiert und ausgemessen. Der Mönch, den wir in der Pagode sprechen konnten, ging mit uns zu seinem Priester-Kollegen in die Thu Tiem- Kirche: ein schönes Bild zweier Weltreligionen, die sich in dem Wunsch begegnen, dass ihre beiden Gotteshäuser und Rückzugsräume für Spiritualität bestehen bleiben sollen. Der Buddha Mönch zitierte uns gegenüber auf eine bezaubernde Art Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer.

Es gibt einen boomenden Tourismus, sechs Millionen im Jahr, der sich durch das Land ergießt. Trotzdem hat der Tourismus bisher wenig verändert hat und die Straßenschilder sind noch immer auf Vietnamesisch. Man braucht schon einen vietnamesischen Führer und das Englisch ist noch nicht so weit, dass es schon lingua franca wäre. Wir wurden zwei Mal in ein regelrecht deutsches Lokal ausgeführt, in dem die Fotos von schönen deutschen Städten auf Lufthansa Postern die Wände ebenso zieren wie einige Wappen deutscher Bundesländer. Zum Anreiz hängt ein Schild für deutsche Touristen an der Tür, das hier heimisches KROMBACHER Bier verspricht an Stelle des „Bia Saigon“ oder des „Bababa“, also Bier aus Saigon, das uns aber als Rheinländer ähnlich gut schmeckte.

Die Versöhnung braucht noch Zeit. Das würde die Anerkennung der verschiedenen Schichten und Klassen der Bevölkerung bedeuten. Auch die Aufarbeitung der Kriege gegen Frankreich und den Krieg der USA mit den Vietcong, die rücksichtslose Unterdrückung all derer, nach 1965, die im Geruch der Kollaboration oder der Berührung mit dem Klassenfeind standen. Das steht noch bevor. Aber man kann es sich jetzt vorstellen, dass so etwas in der nahen Zukunft möglich ist. Boat People aus den USA haben Bänke am Aussichtsberg zum Südchinesischen Meer finanziert, die den Besuchern noch mal ein Gedenken an diese dramatische und verlustreiche Geschichte der Vietnamesen erlauben.

Wer in Deutschland und Europa an der Zukunft des kirchlichen Lebens verzweifelt, soll einfach nach Vietnam gehen. Wir sind am Sonntag um 17 Uhr in die vierte oder fünfte Messe am Tage gegangen und die Kirchen waren sehr voll. Es war ein sehr würdiger und lebhafter Gottesdienst bei denen alle Gesänge aus vollem Herzen mitgesungen wurden.. Noch dramatischer das Bild, das sich mir bot während der Kommunionausteilung, bestimmt 75 Prozent der Gottesdienstbesucher waren jüngere Leute im Alter bis 25 Jahre. Ein Bild, das uns geradezu unverminderten Neid und in jedem Fall Respekt einflößte.

Die deutsch-vietnamesische Förderverein für Kardiologie, geleitet von dem Leiter der Klinik in Helmstedt, Dr. Si Huyen Nguyen und dem Chef der Kardiologie im Kölner Krankenhaus St. Vinzenz, Prof. Wolfgang Fehske, ist dabei, sich um Möglichkeiten einer Zusammenarbeit und von professionellen Kontakten zu den Kolleginnen und Kollegen im Norden wie im Süden zu erkunden. Das sind ebenso gute Zeichen wie der Besuch des Deutschen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel kurz vor unserer Ankunft Saigon und in Hanoi. Dieser Besuch hatte aber das Goethe Institut in Saigon so erschöpft, dass es keine Möglichkeit mehr gab, wenigstens mit einem Verantwortlichen in dem deutschen Kulturinstitut noch einmal einen Termin zu vereinbaren.
Fazit: Vietnam lebt. Es hat seine Probleme, auch neue Probleme wegen der Auseinandersetzung um die territorialen Ansprüche um die Paracell-Inseln im Süd-China Meer. Aber es entwickelt sich wirtschaftlich in einem Maße, wie wir uns in Deutschland das nur erträumen können.

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