Vom Leben in einem Flüchtlingscamp im Nordirak

SAMSUNG CSC Zakho ist die zweitgrößte Stadt des Gouvernements Dahuk im kurdischen Autonomiegebiet im Norden des Irak. Hier arbeiten wir Grünhelme seit nunmehr Anfang September – als sich das unvorstellbare Ausmaß der Flüchtlingsströme erstmlas zeigte. Heute spricht man von etwa 700.000 bis 800.000 Binnenflüchtlingen im Gouvernement, davon allein 150.000 in Zakho, einer Stadt, die eigentlich nur 350.000 Einwohnerinnen und Einwohner hat.

Die Flüchtigen verteilen sich über die ganze Stadt, denn die Allermeisten finden keinen Platz in den von Stadt und UNHCR geplanten großen und dauerhaften Camps: Sie harren aus an Straßenrändern und in Rohbauten, in verlassenen Gebäuden und in Parks – oder eben in provisorischen Camps. Einem solchen nahmen wir Grünhelme uns an, dem Dalal-Camp.

Dalal bedeutet eigentlich so etwas wie schön, in Verbindung mit einer Landschaft oder einem Ort. Und tatsächlich könnte dies auf den geographischen Ort des Caps zutreffen: Am südlichen Rand der Stadt auf einem Berg gelegen, zu Füßen der Harbur, ein Nebenfluss des Tigris, der in Sichtweise von der achthundert Jahre alten Dalal-Brücke überquert wird. Im Hintergrund der Stadt reiht sich Bergkette an Bergkette, die hinteren gehören schon zum türkischen Territorium. Nach Süden wird unser Camp von ähnlichen Riesen geschützt. Genau über diese Berge kamen die Menschen, die nun in diesem Camp leben, als letztes Hindernis eines unvorstellbaren Leidensweges.

Es sind Jesiden, eine kurdischstämmige religiöse Minderheit. Der IS umstellte ihr Herkunftsgebiet, das Shingal-Gebirge. Die Dörfer wurden überrannt, manche ausgeplündert, andere in Brand gesteckt. Diejenigen unter den Jesiden, die noch vor dem Eintreffen der Miliz fliehen konnten, nahmen das, was sie tragen konnten und folgten dem von syrischen PKK-Ablegern freigekämpften Korridor raus aus dem Shingal, über die syrische Grenze, um weiter im Norden zurück in den Irak, in das einigermaßen sichere Kurdistan, zu gelangen. Manche legten diesen Höllenritt mit ihren Autos oder Traktoren zurück, die allermeisten jedoch zu Fuß: Ein siebentägiges Martyrium, durch die Berge, bei Temperaturen über 40 Grad, ohne ausreichend Wasser und Nahrung. Eltern trugen ihre Kinder auf dem Rücken oder auch ihre greisen Eltern. Zahlreiche verdursteten oder starben an einem Hitzschlag. Völlig entkräftet erreichten sie diesen Ort. Zahlreiche Jesiden hatten dieses „Glück“ nicht. Sie fielen dem IS in die Hände, für den sie als „ungläubige Teufelsanbeter“ gelten. Männer wurden enthauptet oder bei lebendigem Leib verbrannt oder vergraben. Viele Frauen wurden vergewaltigt und als Sexsklavinnen im eroberten Mossul oder in Syrien verkauft. Man spricht von 12.000 getöteten Jesiden, 2000 junge Frauen und Mädchen sollen als Geiseln genommen worden sein oder sind bereits verkauft worden.

Das Camp besteht seit nunmehr Mitte August und umfasst etwa 800 Zelte, was sich auf gut 4500 Menschen aufsummiert. Zunächst wurden über eine britische Organisation Zelte beschafft sowie Lebensmittel und Decken von Privatleuten aus der Nachbarschaft organisiert. Das Camp entstand aus dem Nichts und so waren kaum Strukturen vorhanden, um die Flüchtlinge zu versorgen.

Wir Grünhelme kamen etwa zwei Wochen nach der Ankunft der Jesiden ins Camp. Das Grauen, das diese Menschen erlebt hatten, war greifbar. Es arbeitete in ihnen fort, verbreitete auch im Nachhinein seinen Schrecken. Kaum verwunderlich, ihnen wurde alles genommen, ihr Hab und Gut, Freunde und Angehörige und nicht zuletzt ihre Heimat. War das Camp in den ersten Wochen noch wie gelähmt, entstanden nun Strukturen, die für das Zusammenleben von unmittelbarer Wichtigkeit waren. UNICEF kümmerte sich um die Trinkwasserversorgung, die Ärzte ohne Grenzen (MSF) installierten eine medizinische Versorgung und die Stadt Zakho übernahm die Lebensmittelversorgung. Aber auch die Menschen im Camp wurden mit in die Verantwortung genommen, so wurde das Camp in zwölf Sektionen eingeteilt, die jeweils einen Ansprechpartner aus ihren Reihen bestimmten, den sogenannten Sectionleader. Fortan sind sie für die Lebensmittelverteilung innerhalb ihrer Einheit zuständig. Daneben fungieren sie als Ansprechpartner bei vielerlei organisatorischen Dingen, auch für uns Grünhelme.

Unsere Aufgabe bestand nun in der Errichtung von Sanitäranlagen. Neben Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung ist die Bereitstellung von Toiletten eines der dringendsten Dinge in einem Flüchtlingslager, insbesondere um Krankheiten vorzubeugen. Ein wichtiger Kern unserer Arbeitsweise ist es, die Menschen in die Arbeiten miteinzubeziehen, auch die Mitarbeit von ihnen einzufordern, denn die Toiletten sollten ja ihnen zugutekommen. Wurden die tiefen Schächte für die Septiktanks noch von Baggern ausgehoben, war alles weitere Handarbeit. Es gab also eine Menge zu tun: Vom Anrühren des Mörtels und Betons, über das Schleppen von Steinen, das Mauern, das Bauen der Türen, das Decken des Daches und schließlich das Streichen und das Verlegen der Wasserleitungen.

Die Zusammenarbeit war sicherlich nicht immer einfach: Wir bauten Sanitäranlagen an drei unterschiedlichen Orten im Camp. Während manche Leute voller Motivation und Tatendrang nur so strotzten, waren andere sehr zurückhaltend. Dies stellte uns Grünhelme vor ein Dilemma: Einerseits sollten die Sanitäranlagen so schnell wie möglich fertig werden, andererseits waren wir auf die Unterstützung der Flüchtlinge angewiesen. So stellte sich für uns die Frage, welche Forderungen und Erwartungen wir an die Menschen stellen könnten – diese Menschen hatten im Vorfeld doch so Unvorstellbares erlebt, was in der kurzen Zeit kaum verarbeitet werden konnte. Andererseits würde ein Verzicht auf den Einbezug der Leute und ihre Hilfe langfristig negativ auf deren Eigeninitiative und Identifikation im und mit dem Camp wirken. Eine Antwort auf diese Frage ist schwer zu finden, doch starke Nerven, Geduld und Durchhaltevermögen können die fehlende Antwort etwas kompensieren. Heute stehen im Camp 26 Grünhelm-Toiletten, gebaut in Zusammenarbeit mit den Leuten.

Über die Zeit verändert sich die Stimmung im Camp. Sie wird normaler, die Menschen beginnen sich mit ihrer Situation zu arrangieren. Das Lachen auf den Gesichtern der Kinder ist zurück, aber auch bei den Erwachsenen ist wieder ein Stück Lebensfreude zu erkennen. So wird das Camp lebendiger und es entwickelt sich zu einem kleinen Dorf. Die Leute treiben Handel, einige bieten Obst und Gemüse an, andere Süßigkeiten und Getränke. Die Frauen bauen sich Öfen aus Steinen und Lehm und backen darin ihr Brot.

Wir Grünhelme sind Teil dieses Geschehens, wir wohnen in einem kleinen Container, inmitten des Camps. Fast jeder kennt unsere Namen und besonders die Kinder weichen uns kaum von den Fersen. Bei allen Schwierigkeiten und Differenzen die es immer gibt, schätzen uns die Leute, denn sie wissen, dass sie sich auf uns verlassen können und wir uns für sie einsetzen, nicht nur im Camp, sondern auch bei der Stadtverwaltung, der Gouvernementregierung und den großen Organisation. So bekommen wir jeden Tag zahllose Einladungen zum Tee, zum Mittag- und Abendessen oder einfach, um uns für ein Stündchen in ihrem Zelt auszuruhen. Die Gastfreundschaft ist überwältigend. Und so bekommen wir sehr viel mit, von den Sorgen der Leute, aber auch von ihren Geschichten. Sie zeigen uns Fotos und Videos aus ihrer Heimat, erzählen uns von der Schönheit der Natur im Shingal, von der Gemeinschaft, aber auch von der Flucht und ihren vermissten Angehörigen. War zu Beginn eine Rückkehr für sie noch undenkbar, wollen die meisten nun sobald es geht zurückkehren. Das Shingal bleibt die Heimat der Jesiden.

Nun ist es Herbst, mit ihm kommt der Regen und auch der Winter wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Nässe und Kälte sind besondere Gefahren für die Flüchtlinge. Gerade in den Regenmonaten ist ein funktionierendes Sanitärsystem von immenser Wichtigkeit, da sich Krankheiten sonst rasend weiterverbreiten können, indem Fäkalien durch die Zelte gespült werden. Insbesondere die Angst vor Cholera ist in Flüchtlingslagern immer groß. Erst einmal ausgebrochen, ist sie unheimlich schwierig in den Griff zu bekommen. So arbeiten wir Grünhelme nun auch in einem anderen Camp an Sanitäranlagen, wir graben Abwasserkanäle und stellen die Zelte auf hochgesetzte Fundamente, um das Wasser draußen zu halten. Daneben fahren wir durch Dörfer und unterstützen in Rohbauten untergekommene Flüchtlinge dabei, die unfertigen Gebäude abzudichten, um so eine Überwinterung in ihnen zu ermöglichen.

An allen Ecken und Enden wird Unterstützung benötigt, da das Ausmaß dieser Flüchtlingstragödie sämtliche Maßstäbe übersteigt. Die großen UN-Organisationen tun ihr Möglichstes, können aber allein dieser Herkulesaufgabe nicht Herr werden. Und so versuchen wir dort in die Bresche zu springen, wo die Hilfe der Großen, die Flüchtlinge nicht erreicht.