Vom vergessenen Volk
Situation an der syrisch-türkischen Grenze hat sich extrem verschärft

07.05.2014_1An der Syrisch-Türkischen Grenze hat sich die Situation seit einem Jahr extrem verschärft. Aus den einst friedlichen Protesten und dem folgenden Bürgerkrieg ist ein brutaler Kampf zwischen dem Volk und radikalen Islamisten geworden, in dem das Regime der lachende Dritte ist. Die Fronten haben sich verhärtet und von einem baldigen Ende spricht mittlerweile keiner mehr.

Mitarbeiter und Unterstützung für die Arbeit von Grünhelme und Barada e.V. gesucht

So sind auch die Syrischen Flüchtlingslager für humanitäre Ausländer längst unzugänglich geworden. Bei meinem Besuch im Camp „Atmeh“ gebe ich mich deshalb als „Firas al Khateeb“ aus, einem Kuwaitischen Fussballwunder. So werde ich für ein paar Stunden in das Lager gelassen. Ein paar erfundene Personalien auf Arabisch werden mir helfen, wenn mich jemand nach meinem Geburtsort oder dem Namen meiner Mutter fragt. Wie wahrscheinlich alle Syrischen Flüchtlingslager ist Atmeh längst kein vorübergehender Zufluchtsort mehr, sondern eine nicht mehr rückgängig zu machende Kleinstadt, die schon vier mal so groß ist wie das eigentliche Dorf Atmeh, neben dem das Camp einmal angelegt wurde.

Während am Rand des Lagers immer neue Zelte in den Olivenhain eines bemitleidenswerten Bauern wachsen, entstehen in der Lagermitte immer häufiger kleine Gärten, befestigte Wege, Betonfußböden, dann erste Steinhäuser (manchmal auch mehrstöckig), öffentliche Gebäude und sogar Marktstraßen. Das Ganze organisiert und versorgt sich selbst. Unterstützung gibt es nur von kleinen, meist Syrischen Hilfsorganisationen. „Die Vereinten Nationen haben uns vergessen.“ sagen die Syrer und meinen damit nicht nur die unterlassene humanitäre Arbeit. Dass eine Regierung zum Beispiel ungestraft Chlorwaffen gegen sein Volk einsetzen darf, nur weil diese Waffen bei den Ländern, die einst die Menschenrechte erfunden haben, nicht auf der Chemiewaffenliste stehen, ist für Syrer unbegreiflich.

Allein die Zahl der Kranken und Verletzten müsste doch international Alarm und Hilfsbereitschaft auslösen. Eine halbe Millionen Kriegsverletzte und Kriegsinvalide gibt es jetzt schon. Außerdem sind viele Menschen (vor allem Frauen und Kinder) lang-zeitlich traumatisiert. Ein großer Teil der gesundheitlichen Probleme verwundeter Syrischer Kämpfer sind Folgeschäden von nicht-sterilen Operationen nach den Verletzungen. Dabei kommt es in 60 Prozent aller Fälle zu Knocheninfektionen die dann noch viel mühsamer zu behandeln sind.

Leider gibt es für die vielen motivierten und hilfsbereiten Syrischen Ärzte (von denen es übrigens allein in Deutschland über 10.000 gibt) kaum Möglichkeiten mitzuhelfen. In türkischen und jordanischen Krankenhäusern dürfen sie nicht operieren, in Syrien selbst ist es für sie zu gefährlich. Nach dem Motto: „Wir erschießen doch keine Menschen, damit Ihr sie wieder zusammenflickt“, machen die regimetreuen Truppen keinen Unterschied zwischen Medizinern und Kämpfern. – Im Gegenteil: Es soll sogar gezielt auf Krankenwägen geschossen werden. Ärzte organisieren ihre Hilfe deshalb selbst. Allein in Reyhanli, der türkischen Grenzstadt in der wir arbeiten, sind in den letzten Jahren 32 private Lazarette zur Nachbehandlung von Kriegsverletzungen entstanden.

Aber auch diejenigen, die nicht kämpfen, leiden unter der unvorhersehbaren Normalisierung des Krieges. Viele Flüchtlingskinder sind seit Ausbruch des Krieges nicht mehr in einer Schule gewesen. Manche 11jährigen können noch nicht lesen und schreiben und würden heute erst in die zweite Klasse kommen. Die „glücklichen“ Jugendlichen, denen gerade das erste selbst organisierte Flüchtlingslager-Abitur angeboten wird, fragen sich was ihr Abschluss ohne staatliche Zertifizierung überhaupt wert sein wird.

Um so erfreulicher, dass in der neuen vom Barada e.V. gebauten und von den Grünhelmen mitfinanzierten Grundschule im Atmeh Camp wieder fleißig unterrichtet werden kann. Von der Notwendigkeit für Schulen überzeugen uns die Erst- und Zweitklässler bei unserem Besuch selbst – uns wird nämlich ein toll betontes und fehlerfreies Alphabet in Englisch aufgesagt. Ein Grund mehr, um mit Barada e.V. noch eine weitere Schule im nächsten Flüchtlingslager zu finanzieren. Auch bei Barada fließen alle Spenden direkt in dieses Projekt und die organisatorischen Reisen nach Syrien und in die Türkei zahlen Vereinsgründer Dr. Marwan Khoury und seine Mitstreiter sogar aus eigener Tasche.

Endlich wieder selbst mit anpacken, können wir Grünhelme ab sofort auf der Türkischen Seite der Grenze. In einem kleinen Dorf bereiten wir den Bau einer Schule für die 71 Kinder der dort lebenden Flüchtlingsfamilien vor. 60 dieser 5-12jährigen sind noch nie zuvor zur Schule gegangen. Wer Lust hat, mit uns die schöne und verlassene Moschee zu renovieren, die uns der engagierte Bürgermeister für die Einrichtung neuer Klassenräume und für die Integration der Flüchtlingsfamilien zur Verfügung gestellt hat, ist herzlich eingeladen sich bei uns zu bewerben. Ganz besonders dringend suchen wir für diese Aufgabe Arabisch oder Türkisch sprechende Handwerker, Bauingenieure und Architekten. So bald wir ein Team zusammengestellt haben, werden wir hier mit der Arbeit los legen.

Wir freuen uns aber auch über jede finanzielle Unterstützung, die wir in Form von Mehl oder anderen Lebensmitteln zu den eingeschlossenen Menschen im Landesinneren Syriens bringen wollen. Vor allem rund um die großen Städte gibt es nach wie vor erbitterte Kämpfe und von der Außenwelt abgeschlossene Bevölkerungsteile. Allein um Aleppo sollen in den letzten 1,5 Monaten mehr als 1500 Menschen getötet worden sein. Mit Barada sollen nun in großen Mengen Mehl, vielleicht auch Reis, Linsen, Speiseöl und Tee in diese Gebiete gebracht werden. Die in der Türkei eingekauften Lebensmittel sollen von vertrauten Mitarbeitern an die Bestimmungsorte gebracht werden, wo sie von Vertretern kleinerer Gruppen an die bedürftigen Familien verteilt werden.

Beim Verlassen des Atmeh Camps erinnert sich Dr. Khoury traurig an die Kinder, die vor 3 Jahren „Revolution“ an Syrische Häuser geschrieben haben und dafür brutal vom Regime misshandelt wurden, was allgemein als Zündfunke des Aufstandes gilt. Hier im Flüchtlingslager haben Kinder auch wieder Sprüche an die Wand geschrieben und Dr. Khoury übersetzt: „Ich will zurück, um den Menschen Liebe beizubringen.“

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