Was bedeutet Bayanihan
Ein Bericht der Grünhelme von den Philippinen

02.02.2014 Bayanihan ist eine kulturelle Tradition auf den Philippinen. Das Wort für Heldentum steckt darin, aber es geht nicht um individuelle Taten, sondern um den Geist der Gemeinschaft, sozialen Zusammenhalt und das Erreichen gemeinsamer Ziele. Aber wie das mit Traditionen so ist, sie verschwinden manchmal unter den Sorgen des Alltags, die seit dem Taifun Haiyan, der auf den Philippinen den Namen Yolanda erhalten hat, um ein Vielfaches schwerer wiegen.

Wenn Philippinos von unserer Arbeit erfahren, bedanken sie sich überschwänglich. Im weiteren Verlauf unserer Gespräche passiert es sehr oft, daß uns dann ganz konkrete Hilfe angeboten wird. So waren wir beispielsweise auf einer goldenen Hochzeit eingeladen, die gefeiert wurde wie eine richtige zweite Hochzeit, einfach nur, weil wir uns hier engagieren und uns diese Familie, die wir vorher nicht kannten, ihre Dankbarkeit zeigen wollte, daß wir ihren Landsleuten helfen. Eine Dame der Hochzeitsgesellschaft schenkte uns schließlich spontan die gefallenen Kokospalmen ihrer Ländereien, damit wir noch mehr Bauholz bekommen.

Wir leben bei Warblitz Martinez, einer Frau mit einem kämpferischen Namen und einem großen Herzen für die Nöte ihrer Mitmenschen. Sie vollbringt mitsamt ihrer Familie (Warrior, Warpeace, Warpath, Warqueen, Warwin und einigen mehr) die Heldentat, daß sie uns unterstützt, wo sie nur kann, um den Ärmsten der Armen zu helfen und kümmert sich zusätzlich mit ihrer Palompon Chamber of Commerce and Industry um die dringend nötige Reparatur der Schulen.

Wir haben unsere Arbeit in einem kleinen Dorf in den Bergen, dem Sitiu Asinan im Barangay Cambinoy begonnen und planen demnächst in einem weiteren Dorf, in Buenavista, wo wir schon sehnsüchtig erwartet werden und die Bewohner schon einiges vorbereitet haben, mit dem Bau weiterer Häuser zu beginnen.

Die Häuser werden mit unserer Anleitung und Mithilfe von den Bewohnern im Geist des Banyanihan selbst gebaut.
Gemeinsam werden Fundamentlöcher ausgehoben, Pfosten gesägt, betoniert, Balken verbolzt und vieles mehr. Die Frauen bringen Werkzeuge und manchmal auch Holz herbei, kochen abwechselnd, haben uns sogar angeboten, unsere Wäsche zu waschen. Die Werkzeuge werden sorgsamst behandelt, Sägen geschliffen, Hämmer repariert, Bleistifte gespitzt, ohne daß wir etwas sagen.

Das Dorfkomitee hat bestimmte Zuständigkeitsbereiche an Verantwortliche verteilt. So ist jemand für die Kommunikation mit den Kettensägen-Arbeitern zuständig, die die gefallenen Kokospalmen zu Bauholz verarbeiten. Eine andere schreibt Anwesenheitslisten, wieder einer ist für die Inventur der Bretter und Pfosten zuständig, jemand anderes für die Zählung der Kokospalmen, die zur Verfügung stehen, ein anderer für die Organisation der Arbeit. Alle helfen in irgendeiner Form mit und tragen zum Gelingen bei.

Es ist erstaunlich, zu sehen, wie rücksichtsvoll alle miteinander umgehen bei der Arbeit. Unter diesen improvisierten Umständen hätte man anderswo vermutlich schon einen Balken im Rücken oder ein Brett auf dem Fuß, hier aber achten alle ganz vorsichtig aufeinander, wenn beispielsweise schwere Lasten balanciert werden. Und das, obwohl die ‚Arbeitsschutzbekleidung‘ aus FlipFlops und kurzen Hosen besteht. Dasselbe gilt im Straßenverkehr. So chaotisch und regellos alles zugeht, so selten passiert doch tatsächlich etwas, weil keiner auf Vorfahrt pocht, sondern lieber kurz wartet.

In den Gesichtern der Menschen, mit denen wir arbeiten, lässt sich bereits eine Veränderung ablesen. Wo sie anfangs misstrauisch und ernst geblickt haben, findet sich inzwischen befreitere Leichtigkeit und Freundlichkeit und keine Chance zum Lächeln oder Lachen bleibt ungenützt. Die Kinder wirken und begrüßen uns von Tag zu Tag lauter und fröhlicher.

Andrea Kaempf

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