„Wer die Mittel hat, verlässt das Land“

Lydia-Orubor-kleinDie Gründerin der NGO „Lindii Peace Foundation“ spricht über die dramatische humanitäre Lage in Nigeria. Die Terrorgruppe Boko Haram treibt immer noch ihr Unwesen, hinzu kommen lokale Konflikte, Hunger und schlechte Bildung.

Zur Person: Lydia Orubor, Gründerin und Leiterin der nigerianischen Organisation “Lindii Peace Foundation”. Die 38-Jährige lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Abuja.

Lydia, wie kam es, dass du die „Lindii Peace Foundation“ gegründet hast?

Lydia Orubor: Eigentlich bin ich Sängerin. 2014 war ich mit meinem damaligen Verlobten auf einer Reise zu einem Ort für einen Videodreh zu meinem Lied “Salama“. Der Song wurde sehr berühmt; ich schätze, weil er zufällig an dem Tag veröffentlicht wurde, als die Schulmädchen in Chibok entführt worden sind.  Und während wir auf der Suche nach dem Ort für das Video waren, wurden wir von etwa 20 Männern attackiert. Sie umstellten uns und bemerkten, dass wir noch nicht verheiratet waren und dass mein Verlobter die Sprache, die man im Nordosten Nigerias spricht, nicht verstand. Sie stürzten sich auf ihn, begannen auf ihn einzuschlagen.

Wie konntet ihr entkommen?

Es war Schicksal! Jemand kam mit einem Motorrad aus dem Gebüsch und sagte ihm, er soll aufspringen. Nach dem Vorfall fühlten wir: Es muss einen Grund geben für diese Gewalt. Ich denke: Unsere Vielfalt in Nigeria verursacht Probleme. Wir finden es schwierig, einander zu akzeptieren, unsere Sprachen, unsere Religionen. Nach diesem Fall wollten wir nicht einfach nur vor Gericht gehen. Wir wollten dazu beitragen, dass die Leute verstehen: Wir müssen lernen, einander zu tolerieren, ganz egal woher wir kommen, ganz egal, welche Hautfarbe wir haben. Und so haben wir die Organisation gegründet.

Warum heißt sie “Lindii”?

Das ist mein Stammesname. Für gewöhnlich heißt die vierte Tochter einer Familie in meinem Clan „Lindii“.

Eure Organisation versorgt die Ärmsten in Nigeria, zum Beispiel mit Wasser und Sanitäranlagen. Die Grünhelme haben mit euch kooperiert und ein Projekt für Vertriebene finanziert [Hier geht’s zum Projektbericht]. Ist Hygiene und Wasser euer Fokus?

Eigentlichdecken wir thematische Bereiche der humanitären Hilfe wie Kinderschutz, geschlechterbasierte Gewalt und Bildung ab. Aber ja, im vergangenen Jahr haben wir hauptsächlich Wash-Projekte gemacht. Das bedeutet, wir stellen Wasser bereit und übernehmen die Instandhaltung von Toiletten und Duschen in Vertriebenen-Camps, zum Beispiel in Pulka. Wir trainieren auch Menschen, wie sie Wasser mit Chlor versetzen können oder Latrinen richtig reinigen. Derzeit kooperieren wir mit Unicef.

Wenn du an das vergangene Jahr und an die humanitäre Situation in Nigeria zurück denkst: Was ist dein Fazit?

Armut und Mangel ist das, was die Menschen in Nigeria am meisten beschäftigt. Es gab mehr Hunger im Land als je zuvor. Das Jahr 2019 war geprägt von vermehrten Spannungen aufgrund der Präsidentschaftswahlen, bei denen Muhammadu Buhari zum zweiten Mal wiedergewählt wurde. Trotz all der militärischen Fortschritte und einiger komischer, voreiliger Proklamationen vom Sieg über Boko Haram bleibt die Gruppe eine Gefahr für die Sicherheit des gesamten Nordostens. Es gab permanent Attacken auf Zivilisten, Selbstmordattentate und Entführungen durch Boko Haram. Zudem sind viele kommunale Konflikte aufgetreten, vielleicht mehr denn je in der Geschichte Nigerias, zwischen Hirten und Bauern im Mittelgürtel Nigerias. Dieser Konflikt hat Tausende getötet und vertrieben. Es gab vergangenes Jahr aber auch zivilgesellschaftliche Kampagnen und Proteste gegen all die willkürlichen Festnahmen, Inhaftierungen und Folterungen.

Hat sich die Sicherheitssituation gebessert?

Nein, die Sicherheitssituation ist schrecklich. Neben Boko Haram kommt es oft zu Entführungen mit Lösegeldforderungen. Das passiert in Häusern und auf den Straßen, wir hatten sogar einen Fall, in dem ein Zug attackiert und die Passagiere entführt worden sind. Diejenigen, die dafür verantwortlich sind, werden von der Regierung als „Banditen“ bezeichnet, es sind aber mehrheitlich Milizen der Fulbe [in Westafrika lebende Ethnie, Anmerkung Grünhelme]. Momentan verbreiten sie mehr Terror im Land als je zuvor. Sie nehmen offenbar jeden ins Visier – und bisher gibt es kein Gegenmittel.

Eine unvorstellbar hohe Zahl von 22.000 Menschen aus Nigeria ist beim Internationalen Roten Kreuz als vermisst gemeldet. Wie wirkt sich diese Unsicherheit und Gewalt auf die Gesellschaft aus?

Es hat Migration ausgelöst. Wer die Mittel hat, verlässt das Land. Die Menschen fühlen, dass wenn es so weitergeht, es keine Hoffnung für ihre Kinder gibt.

Und für diejenigen, die bleiben: Wie gehen die mit all der Gewalt um? Ist Vertrauen überhaupt noch möglich in den Dörfern oder schottet man sich voneinander ab?

Die Strategie, die wir in meiner Familie verfolgen, ist, sich unauffällig zu verhalten. Wir reisen nur, wenn es sehr wichtig ist und mit dem Flugzeug. Wir haben auch eine Menge Leute, die zurück in die Dörfer kommen, nachdem sie Boko Haram verlassen haben. Wir können aber nicht garantieren, dass sie der Sekte wirklich den Rücken gekehrt haben. Sie haben viele Menschen getötet. Für mich sind das tickende Zeitbomben. Die Regierung will sie reintegrieren, aber die Gemeinschaften akzeptieren sie nicht.

Was passiert mit ihnen?

Einige von ihnen gehen in Dörfer, in denen sie niemand kennt. Einige werden in von Soldaten bewachten Camps festgehalten. Die Regierung hat nun beschlossen, mehr als 1400 von ihnen frei zu lassen. Soldaten und Witwen getöteter Soldaten sind wütend und sagen, die Regierung belohne Terroristen. Es wird schwierig werden, die Communities zu überzeugen, die Menschen zu akzeptieren. Einige Organisationen hoffen, dabei unterstützen zu können.

Gibt es denn viele humanitäre Organisationen in Nigeria?

Das hängt von der Region ab. In den Dörfern unter der Kontrolle von Boko Haram haben Hilfsorganisationen keinen Zugang. Die sind wie in Geiselhaft. Das Militär hat vergangenes Jahr versucht, einige Dörfer zurückzugewinnen. Ich danke allen Hilfsorganisationen! Sie versuchen ihr bestes. Eine Zeit lang versuchte die Regierung, ihre Bemühungen zu hintertreiben. Es lagen Kommunikationsprobleme vor zwischen dem Militär und den Helfern, sodass Misstrauen wuchs und Unicef am Ende sogar für eine Zeit gesperrt wurde.

Wie schützt du dich bei deiner Arbeit in gefährlichen Gegenden?

Unser großer Vorteil ist der Kontakt zu den Menschen. Wir kennen die Leute in den Dörfern, sprechen ihre Sprachen. Es ist wichtig, die richtigen Erste-Hand-Informationen zu bekommen. Aber selbst für uns sind einige Straßen sehr gefährlich. Man kann immer gestoppt werden, sie schießen… Einmal sind wir Kämpfern auf unserem Weg begegnet, glücklicherweise konnten wir ohne Opfer entkommen. Andere Organisationen hatten nicht so viel Glück. Glücklicherweise können wir einen Hubschrauber von Unicef die meiste Zeit mitbenutzen, um in Regionen zu kommen, die mit dem Auto zu gefährlich zu erreichen sind.

Letztes Jahr wurde Muhammadu Buhari wiedergewählt. Ist dieser 77 Jahre alte Mann in der Lage, Veränderung für Nigeria zu erzielen?

Er brachte Veränderung, aber keine gute. Unser Gesundheitssystem geht zugrunde, die Preise von Waren sind in die Höhe geschossen, die Leute können sich nicht mehr frei bewegen, es besteht Angst vor Investitionen ins Land, weil man nie weiß, welche Regeln morgen erlassen werden.

Hast du ein Beispiel?

Im August 2019 wurden die Grenzen geschlossen. Buhari will die lokalen Reisbauern fördern und hat Reisimporte verboten. Aber die Grenzschließung wirkt sich auch auf andere Güter und Dienstleistungen aus. Und dann hat er einen Gesetzentwurf vorgestellt zu sozialen Netzwerken. Das soll richtet sich angeblich gegen Hatespeech. In Wirklichkeit geht es im Gesetzentwurf aber darum, wie man über die Regierung spricht – um Menschenrechte also.

Was für Strafen sind geplant, wenn man schlecht über die Regierung spricht?

Die Strafe, die sie versuchen durchzusetzen, ist die Todesstrafe (lacht). Aber die Menschen wehren sich wirklich, Amnesty International eingeschlossen. Das macht wirklich alles keinen Sinn, als hätten wir keine anderen Probleme.

Andererseits wurde Buhari ja wiedergewählt…

Die Wahl war, und das ist von internationalen Beobachtern klar so beschrieben worden, nicht frei und fair. Buhari wollte mit allen Mitteln an der Macht bleiben. Er wusste, dass sein Gegner die Wahl beim Obersten Gerichtshof beanstanden würde. Also hat er noch schnell dafür gesorgt, dass der oberste Richter zurücktrat und durch einen anderen ersetzt. Am Ende hat das Gericht wenig überraschend gesagt, das Wahlergebnis sei aufrechtzuerhalten.

Du hast von Protesten gegen Buharis Gesetzentwurf zu Hatespeech gesprochen. Ist das eine Minderheit oder eine breite Bewegung?

Das sind kleine Gruppen. Die Sache ist: Nigerianerinnen und Nigerianer haben Angst zu protestieren, weil bei Demonstrationen immer ein Schuss fällt, Menschen getötet werden. Von der Polizei. Die einzigen, die frei sprechen können, sind Nigerianer mit einer zweiten Staatsbürgerschaft und zivilgesellschaftliche Organisationen, weil sie als Institutionen und nicht als Individuen sprechen.

Würdest du sagen, dass es trotz allem Grund zur Hoffnung gibt für 2020?

Ich möchte immer auf die positiven Aspekte schauen. Wir hoffen das Beste. Aber wir brauchen Sicherheit, ohne Sicherheit gibt es keine Hoffnung. Hunger, Gesundheit, Bildung – alles hängt von der Sicherheit ab. Andererseits ist Hunger verknüpft mit Sicherheit. Menschen sind auch deshalb gewalttätig, weil sie arm und hungrig sind. Der Kreislauf muss durchbrochen werden.

Was sind eure Pläne als “Lindii Peace Foundation” für 2020?

Wir möchten unseren Fokus auf Bildung erweitern. In Nigeria gehen allein im Alter zwischen fünf bis 14 Jahren 10,5 Millionen Kinder nicht zur Schule. Das ist einfach furchtbar. Obwohl die Grundbildung offiziell kostenlos und verpflichtend ist. Der Bildungsmangel ist von verschiedenen Faktoren wie Armut, sozio-kulturellen Normen und Religion getrieben. Man sieht kleine Kinder im Alter von vier oder fünf Jahren betteln, neunjährige Mädchen werden verheiratet.

Was für ein konkretes Projekt habt ihr im Kopf?

Da ist ein sehr abgelegenes Dorf, in dem die Schule wirklich beschädigt ist. Wir könnten entweder Renovierungsarbeiten machen oder  Bücher und Materialien stellen oder Stipendien an Lehrer vergeben, die dann dort unterrichten.

Lydia, danke für das Gespräch!

Das Interview erfolgte telefonisch.