Wiederaufbau in Nepal
Teil 1: Gespräche mit den Dorfbewohnern aus Phulpingkot

Übersetzer und Dorfälteste (Interview)Dreizehn Monate nach dem verheerenden Erdbeben, bei dem kein Haus der zwanzig Familien in dem kleinen Dorf Phulpingkot im Distrikt Sindhupalchok (ca. drei Autostunden östlich von Kathmandu entfernt) überlebt hat, leben alle Dorfbewohner immer noch in provisorisch zusammengebauten Notunterkünften aus Wellblech. Seit dem ersten Spatenstich am 18. April 2016 hat sich jedoch viel getan. Bereits fünfzehn der zwanzig Fundamente sind fertiggestellt und die ersten Säulen und Mauern stehen.

Hier in Phulpingkot werden sehr viele Freiwillige benötigt, da sämtliches Material (fünfzig Kilogramm schwere Zementsäcke, Sand, Hohlblocksteine, usw.) aufgrund der schmalen Wege zu Fuß durch das Dorf getragen werden muss. Zusätzlich stellten wir Handwerker ein, die uns beim Bau unterstützen: Die zwei Maurer Tilak und Hari, den Betonvorarbeiter Ram aus dem Dorf Pauwa, in dem das Grünhelm-Projekt nun seit fast einem Jahr läuft, und Subash, den wir gerade am Eisenplatz einlernen.

Die Dankbarkeit und Freude der Dorfbewohner ist jeden Tag zu spüren: Die angestellten Arbeiter helfen mittlerweile selbständig mit und wissen, was zu tun ist. Die Freiwilligen lassen sich trotz schwerer Arbeit nicht entmutigen, viel mehr wächst die Motivation beim Anblick der entstehenden Häuser.

Der Monsun mit seinen täglichen Regenschauern hat bereits begonnen. Bevor der Regen noch stärker wird, bemühen wir uns, möglichst viel Material den steilen Berg nach Phulpingkot hoch zu transportieren, da diese Straße bald nicht mehr zu befahren sein wird. Die Arbeitstage sind sehr abwechslungsreich. Unseren typischen Tagesablauf könnte man jedoch folgendermaßen beschreiben: Um sechs Uhr ist Arbeitsbeginn, dann tragen die Freiwilligen Material zu der jeweiligen Baustelle, wo das nächste Fundament ausgegraben und betoniert wird. Wir stellen das nächste Schnurgerüst oder die nächste Säulenschalung und betonieren die Säulen. Gemeinschaft und Zusammenhalt wird hier groß geschrieben: Jeden Tag gibt es eine gemeinsame Frühstücks- und Mittagspause. Das Essen wird in der Regel von der Hausbesitzerin und Helferinnen für die über zwanzig Freiwilligen vorbereitet. Nach der Mittagspause stehen ähnliche Aufgaben wie am Morgen an. Zusätzlich liefert ein 4×4 LKW neues Material, das vom „Dorfeingang“ zu den Baustellen, bzw. zum Store von den Freiwilligen transportiert wird. Momentan befinden sich der Landschaftsbauer Raphael Biendl (24) aus Augsburg und die Architektin Lisa Emmler (27) aus Hamburg in Phulpingkot.

Um drei Dorfbewohner besser vorzustellen, führten wir mit den folgenden Personen Interviews durch: Harka Bahadur Nepali, der Dorfälteste, Juna Pariyar Nepali, eine alleinerziehende Mutter und freiwillige Helferin und Tilak Bahadur Nepali, unser Maurer und der erste Festangestellte in Phulpingkot. Die Interviews wurden in Englisch geführt, übersetzt hat für uns Sachin Nepali, ein Lehrer aus dem Dorf. Als wir uns mit Harka in seiner Hütte treffen, hat er seine schicksten Klamotten an.

Grünhelme (GH): Namaste, dhaai! (Hallo, großer Bruder!) Was trägst du heute?
Harka (H): Ich trage mein „Kurta Shuruwal“ und „Nepali Topi“.

GH: Schön, dass wir mit dir das Interview führen können. Wie alt bist du?
H: Ich bin 88. Schön, dass ihr etwas über mich erfahren wollt.

GH: Wie viele schwere Erdbeben hast du überlebt, bei denen dein Haus zerstört wurde?
H: Zwei Erdbeben. Bei meinem ersten war ich vier Jahre alt und das zweite war letztes Jahr.

GH: Gibt es Unterschiede zwischen dem Erdbeben damals und heute?
H: Damals war hier alles anders. Meine Familie hatte kein richtiges Haus, es gab auch kaum Menschen oder Felder. Zu Essen hatten wir Bohnen, Mais und Wurzeln. Außerdem sammelten wir Honig im Wald. Von unserem Wasserbüffel tranken wir die Milch und machten Butter. Nach dem Erdbeben damals hatten wir nichts mehr. Niemand kam, um uns zu helfen. Heute aber ist Hilfe aus Deutschland hier in Phulpingkot! Jetzt bekommen alle ein sicheres Haus. Ich habe noch nie so schöne Häuser gesehen.

GH: Das freut uns sehr!
H: Aber beide Erdbeben habe ich überlebt, weil ich beide Male zufällig draußen war (Harka lacht).

GH: Was hast du denn draußen gemacht?
H: Beim ersten Erdbeben war ich auf dem Feld und habe auf die Tiere meiner Familie aufgepasst. Letztes Jahr war ich zufällig draußen und habe Klamotten genäht, obwohl ich sonst um diese Uhrzeit meinen Mittagsschlaf halte. Ich bin sehr froh, dass ich überlebt habe, sonst könnte ich die schönen Häuser der Grünhelme nicht sehen (Er bekommt Tränen in den Augen). So was habe ich nie für möglich gehalten. Ich bin sehr glücklich darüber.

GH: Bist du hier in Phulpingkot geboren?
H: Ja, ich bin hier geboren, aufgewachsen und habe mein komplettes Leben hier verbracht. Vor dem Projekt habe ich noch nie jemanden aus Deutschland gesehen (Harka lacht wieder).

GH: Wie können wir uns deine Kindheit vorstellen?
H: Mein Vater hatte zwei Frauen.

GH: Zwei Frauen?
Sachin: Ja, das war damals und ist heute teilweise noch üblich so.

H: Ich hatte zwei Schwestern und zwei Brüder. Hier gab es keine Schule. Als ich 16 war, war es meine Aufgabe, auf unsere beiden Wasserbüffel aufzupassen. Mein Vater hat mir beigebracht, Musik zu machen und Klamotten zu nähen. Damit habe ich später auch ein bisschen Geld verdient.

Übersetzer und Dorfälteste (Interview)

GH: Und dann hast du geheiratet?
H: Genau! Und dann kamen unsere vier Söhne zur Welt, denen ich auch die Musik und das Nähen beigebracht habe.

GH: Was ist mit deiner Frau?
H: Sie ist früh gestorben. Ich war erst 28 Jahre alt. Sie hatte Durchfall und hohes Fieber, aber hier gab es kein Krankenhaus.


GH:
Kannst du uns dein Geheimnis von einem langen Leben verraten?
H: Es liegt in der Hand Gottes (Harka überlegt kurz). Vielleicht lebe ich aber auch schon so lange, weil ich früher viel Büffelmilch getrunken habe.

GH: Was gefällt die am besten am Projekt der Grünhelme?
H: (Er zählt auf) 1. Wir bekommen schöne Häuser. Ramro tsa! Ramro tsa! (Sehr schön! Sehr schön!) 2. Wir bekommen sichere Häuser. 3. Wir treffen freundliche Menschen aus einem anderen Land. 4. Es gibt einen geregelten Tagesablauf für alle: Arbeiten, Essen, Pause, Arbeiten, Essen, Schlafen, usw. Vor dem Projekt haben viele hart auf dem Feld gearbeitet, aber tagsüber nichts gegessen.

GH: Was wünschst du dir für die Zukunft?
H: Die Häuser machen mich sehr glücklich.

GH: Und was noch?
H: Eine saubere Umwelt und Bildung. Ohne Bildung wären die Grünhelme nicht in unser Dorf gekommen.

GH: Wie meinst du das?
H: Weil Sachin in Kathmandu war und Englisch spricht, kam er an der Bushaltestelle mit einem Grünhelm-Mitglied ins Gespräch und dann kam das Projekt hier her.

GH: Danke für die interessante Unterhaltung.
H: Danke, dass ihr euch für meine Familie interessiert und danke, dass ihr in Phulpingkot schöne und sichere Häuser baut. Das macht mich sehr glücklich.

Nächste Woche wollen wir, an dieser Stelle, euch mehr über Juna erzählen, die ebenfalls mit uns in Pulpingkot lebt.

Lisa Emmler

 

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