Wiederaufbau nach Erdbeben in Nepal
Vier Stunden Autofahrt und eine Stunde Fußmarsch östlich von Kathmandu entfernt

Wenn man Rajendras und Goudis Wellblechhütte betritt, dann hat man auf den ersten Blick schon alles gesehen, was die nepalesische Bauernfamilie noch besitzt. Links befindet sich die kleine Kochecke und auf dem harten Lehmboden liegt über ein paar Brettern ein dünnes Stück Teppich aus, auf dem beim Essen gesessen wird. An den Wänden hängen die übrigen Habseligkeiten der Familie, die die zwei schweren Erdbeben im Mai überstanden haben und hinter einer dünnen Wellblechwand stehen die Ziegen, Hühner und Kühe der Familie.

Die Wellblechhütte ist nur ein kläglicher Ersatz für das Haus das die Bauernfamilie vorher besessen hat. Drei Monate lang habe ich jeden Abend mit Rajendra und seinem jüngsten Sohn Nirad gemeinsam gegessen, zusammen mit ihm auf dem dünnen Teppich gesessen und mich mit der Familie unterhalten. „Ich hab jetzt einen schlechten Namen“, erklärt mir der 37-jährige Familienvater in seinem gebrochenen Grundschulenglisch. Er hatte einen Kredit für eine Hühnerfarm aufgenommen, die beim Erdbeben komplett zerstört wurde. Auch so gut wie alle Hühner kamen dabei ums Leben. Das Erdbeben hat ihm seine Lebensgrundlage genommen. Jetzt hat er große Probleme das geliehene Geld zurück zu zahlen.

Trotzdem gibt er sich fröhlich, lacht viel und wird nicht müde mir einen Nachschlag von dem Reis oder der Linsensoße anzubieten. Daal Bhat heißt das traditionelle nepalesische Essen und das gibt es jeden Tag und zu jeder Mahlzeit. Daal ist die Linsensoße, gekochter Reis heißt Bhat. Meistens gibt es noch ein Kartoffelgemüse dazu und nur ganz selten Fleisch.

So wie Rajendras Familie geht es 90 Prozent der Bewohner in Pauwa, einem kleinen Dorf auf einem Bergkamm, vier Stunden Autofahrt und eine Stunde Fußmarsch östlich von Kathmandu. Beinahe alle Bewohner des Dorfes, die zum großen Teil zur Unberührbarenkaste angehören, haben ihre Häuser verloren und damit sehr viel von ihrem Hab und Gut. Auch einige Todesopfer mussten die Menschen beklagen.

Mit den Grünhelmen bin ich kurz nach dem ersten Erdbeben aus der Nähe von Köln in Richtung Nepal gestartet und noch während den Reisevorbereitungen erreichten mich die Nachrichten vom zweiten Erdbeben. Das Hilfe in dem armen Land dringend nötig war, war schon beim Anflug auf Kathmandu zu sehen. Überall leuchteten orangene, rote und blaue Zeltplanen zwischen den Gebäuden der Stadt auf. In Pauwa stand dann gar nichts mehr, außer Ruinen und den schon erwähnten behelfsmäßigen Wellblechhütten. Die Grünhelme starteten in diesem zerstörten Bauerndorf ein Wiederaufbauprogramm. Die Menschen sollten wieder ein vernünftiges Dach über dem Kopf bekommen, das diese Mal auch ein Erdbeben übersteht.

Gemeinsam mit weiteren Grünhelmen organisierte ich den Start des Projekts und nach drei Monaten Aufbauhilfe ging es dann für mich zurück in meine Heimat. Drei Häuser sind seitdem Fertig gestellt worden und mit dem siebten wurde bereits begonnen. Außerdem sind alle Grundlagen gelegt worden, um die weiteren Häuser erfolgreich anzugehen. Wir haben Vorarbeiter eingestellt, die sehr engagiert mitarbeiten und uns immer wieder helfen die Bautrupps aus freiwilligen Dorfbewohnern anzuleiten und zu motivieren, Material um auch während der Monsunzeit weiter zu arbeiten wurde in großer Menge gekauft und eingelagert – und auch unsere eigene Unterkunft, bestehend aus einem einfachen Zelt, ist inzwischen befestigt und mit einem Wellblechdach ausgestattet, das auch den starken Regenfällen der letzten Zeit standhält. Was jedoch das Wichtigste ist: Es wurde eine hervorragende Beziehung zur gesamten Dorfgemeinschaft aufgebaut.

Mein Abschied aus Pauwa gestaltete sich dementsprechend herzlich und auch tränenreich. Die Menschen im Ort sind einfach nur glücklich, dass die Grünhelme ihnen helfen und freuen sich endlich wieder Hoffnung zu haben. Immer wieder wurde mir gesagt, dass ich jetzt zu jeder einzelnen Familie im Dorf gehöre und auf jeden Fall wieder kommen müsste. In einem neuen richtigen Wohnhaus zu leben, das ihnen sogar Sicherheit bei einem Erdbeben bietet, erfüllt die Menschen in dem zerstörten Bauerndorf mit großer Freude und jedem fertig gestellten Haus wird ein Fest gewidmet.

Ohne die Hilfe beim Aufbau von Wohnhäusern, müssten die Menschen in Pauwa auch weiterhin und auf unbestimmte Zeit in ihren kleinen behelfsmäßigen Wellblechhütten – so wie Rajendra und Goudi – leben und das wenige Geld was sie erwirtschaften für ihren Lebensunterhalt aufbrauchen.

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