Winter auf Lesbos
Unterstützung für die Geflüchteten trägt Früchte

17.01.2016_4Lesbos ist die griechische Insel in der Ägäis, die zum Sinnbild der Flüchtlingskatastrophe geworden ist. Eine Katastrophe im Sinne, dass sich verzweifelte Menschen aus dem gesamten Nahen Osten, aus Afghanistan, Pakistan, dem Maghreb, aus Somalia und Eritrea, auf kleine, enge, meeresuntaugliche Schlauch- oder Holzboote drängen müssen, um irgendwie ins gelobte Europa zu kommen. Die Verzweiflung dieser Menschen ist so groß, dass sie dieses lebensgefährliche Martyrium auf sich nehmen. Das ist die humanitäre Katastrophe – und nicht die Sorge, dass Deutschland mit seiner Leistungsfähigkeit an seine Grenzen stoße.

Auch auf Lesbos ist der Winter eingebrochen. Hatten wir noch um die Weihnachtstage tagsüber T-Shirt-Wetter, kühlten die Temperaturen in den letzten Tagen des alten Jahres deutlich ab: Starke Regenfälle und Bodenfrost, sogar Schneefall. Dann wieder ein paar sonnige Tage, mal mit Sturm und meterhohen Wellen, dann wieder der Regen. Das Wetter ist unberechenbarer geworden. Es hat Boote zum Kentern gebracht und weitere Menschenleben gefordert. Frischwasserleitungen in den Camps sind zugefroren und ganze Plätze überschwemmt.

Dennoch kommen fast jeden Tag weitere Geflüchtete auf Lesbos an. Keine fünftausend mehr, wie noch vor einigen Monaten, aber immer noch fünfhundert, im Schnitt, jeden Tag. Es sind diejenigen, die erst jetzt aus ihrem Land herauskamen, die erst jetzt den verringerten Preis für die Überfahrt bezahlen konnten, die erst jetzt ein Loch durch das Netz der türkischen Polizei gefunden haben, oder die zunächst versuchten, in der Türkei zu bleiben, aber es dort nicht mehr aushielten.

Auch die Routen haben sich verändert: War es im Sommer noch vorwiegend die Nordküste Lesbos‘, an der die Geflüchteten auf europäischem Boden landeten, ist es nun sehr viel verstreuter: Mal ein paar Bote an der langgezogenen Ostküste, mal im Südosten, nahe der Inselhauptstadt Mytilini, oder dann doch wieder im Norden. Die Landungen verteilen sich mittlerweile über die Küsten der halben Insel. Das ist eine Folge der stärkeren türkischen Polizeikontrollen, auf die die Schmuggler mit veränderten Abfahrtsorten reagieren. Unproblematisch ist dies nicht, da seit dem Sommer eine akzeptable Infrastruktur für die Ankommenden an der Nordküste entstanden ist, die an der Ostküste so nicht vorhanden ist. Außerdem besteht die Ostküste viel aus Steilküste, wo die Landungen sehr viel schwieriger und gefährlicher sind.

Dennoch: Die Koordination der Helfenden hat sich mittlerweile eingespielt. Die Früherkennung ankommender Boote ist nun so gut, dass bei der Ankunft häufig direkt Busse an den Landungsstellen bereit stehen, die die Ankommenden direkt in eines der Transitcamps oder direkt zum Registrierungszentrum bringen. Auch die Versorgung in den Transit-Camps ist besser geworden. Es gibt eine begrenzte Anzahl an beheizten Zelten, die für Familien vorgehalten werden, es gibt warmen Tee, manchmal eine medizinische Versorgung, frische und trockene Kleidung, Decken.

Das Sorgenkind bleibt das aber Registrierungszentrum, der Hot-Spot in Moria: Fast alle Geflüchteten müssen hierher, um sich registrieren zu lassen, damit sie ein Ticket für die Fähre nach Athen erwerben können. Noch immer gibt es kaum beheizte Zelte, noch immer müssen Menschen in Einweg-Igluzelten auf dem nackten Beton schlafen. Noch immer gibt es nicht genügend zu essen und noch immer müssen die Ankommenden tagelang auf ihre Registrierung warten, weil die Behörden auch mit dieser sehr viel geringeren Zahl nicht zurechtkommen. Als Reaktion auf dieses Versagen hat sich vor den Toren Morias eine Initiative aus Freiwilligen gebildet, die die Wartenden nun versorgt, mit warmem Essen, mit heißem Tee, mit Kleidung und auch medizinischer Versorgung, sogar die Clowns ohne Grenzen waren schon hier.

Wir Grünhelme haben in den vergangen drei Monaten insbesondere technische Unterstützung geleistet: In fast allen Transit-Camps der Insel und auch in den Registrierungszentren in Moria und Karatepe haben wir Fußböden in die Zelte gezogen, damit die Geflüchteten nicht auf dem nassen oder gefrorenen Boden schlafen müssen und damit auch Lebensmittel und frische Kleidung trocken gelagert werden können. Wir haben im Camp der Ärzte ohne Grenzen, in Mantamados, Dächer über die Zelte gebaut, um sie jetzt im Winter besser vor den Witterungen zu schützen. Wir haben im Survivalcamp von Lighthouse, direkt am Strand in Skala Sikaminea an der Nordküste, Abwassergräben gebuddelt und eine Rampe für Rollstuhlfahrer*innen gebaut. Wir haben im Freiwilligencamp vor den Toren von Moria, ein großes Zelt so ausgebaut, das nun als Krankenstation genutzt werden kann. Wir haben im No-Border-Camp, unweit des Hafens der Hauptstadt Mytilini, vor der Nacht, als der erste Bodenfrost kam, Styrodur-Platten in die Igluzelte gelegt, damit die dortigen Flüchtlinge – vorwiegend Nordafrikaner*innen, die für eine gewisse Zeit keine Chance auf Registrierung hatten – zumindest etwas Kältedämmung zwischen sich und dem kalten Boden hatten. Und wir haben in der ganz akuten Phase auch selbst Boote aus dem Wasser gezogen und den Geflüchteten geholfen, an Land zu kommen.

Wo immer eine helfende Hand gebraucht wurde, haben wir Grünhelme versucht in die Bresche zu springen! Da sich die Unterstützung der Geflüchteten auf Lesbos einigermaßen etabliert hat und auch sichtbar Früchte trägt, haben wir uns nun dazu entschlossen, unsere Arbeit hier zu beenden. Wir richten unseren Blick jetzt auf die andere Seite der Ägäis, in die Region Izmir: Hier sitzen zehntausende Menschen fest und können weder vor noch zurück. Infolge der türkisch-europäischen Vereinbarung geht die türkische Polizei nun rigoroser gegen die Geflüchteten vor und ein Durchkommen wird immer schwerer.

Wir danken allen Spenderinnen und Spendern für Ihre Solidarität mit diesen Menschen, die dringend auf Unterstützung angewiesen sind!

 

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