Zwei Grünhelme zurück aus Azaz in Syrien
Drei Monate im Auge der arabischen Revolte

07.12.2012Unsere beiden Grünhelme haben Ihre Zeit ausgereizt, biblisch gesagt, ausgekauft: Sie waren am 3. September mit mir dort angekommen und sind am 2. Dezember 2012 von Azaz abgefahren, an dem Tag als der Flughafen von Damaskus zum ersten Mal für die Besucher eines Landes streikte, das nur noch ein scheiternder Staat ist.

Sie haben Gewaltiges geleistet. Es wurde die „Gazal Berho Al Khoder Schule“ erneuert, repariert und rehabilitiert, so dass sie am 25.11. der Schulleitung wieder übergeben werden konnte. Sie haben umfangreiche Arbeiten am „Al-Mashfa-Ali Krankenhaus“ vorgenommen, u.a. die komplette Verglasung, Reparatur der alten Fensterrahmen, Rollläden, Schutzfolie gegen das Zersplittern durch erneuten Beschuss, Reparatur des Fahrstuhls. Im National Hospital haben die beiden im Auftrag der Grünhelme den Wiederaufbau der Dialyse-Abteilung finanziell unterstützt. Dazu kamen die Reparatur des „Mohamed Ismail Mohamed“ Gymnasiums in Keljebrin und der „Abdallah Rajab“ Schule in Azaz (Fensterrahmen und verschiedene Maurerarbeiten). Ebenso wurden kleinere Fensterreparaturen und neue Verglasung fertiggestellt in der Schule „Hamid Hannan“ und in dem Mädchengymnasium von Azaz „Thanawiyet HI – Banat Azaz“.

Bernd schreibt: „Bevor ich diesen Einsatz antrat, wusste ich praktisch nichts über Syrien, es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus und ich sollte dafür belohnt werden. Uns erwartete eine überaus freundliche hilfsbereite und den Umständen entsprechend nicht einfach optimistische Bevölkerung. Von Anfang an bekamen wir bis zum Ende unseres Einsatzes Unterstützung von allen Seiten. Ob es der Architekt aus der Nachbarschaft war, der die örtlichen Preise kennt und der uns davor bewahrt hat, zu viel für die Baumaterialien zu bezahlen. Oder ob es die ehemaligen Schüler waren, die sich für Bauhelfertätigkeiten bewarben. Ob es die Stadtreinigung war, die kostenlos Sand für die Betonierarbeiten zur Verfügung stellte. Ob es die Free Syria Armee war, die uns auch unterstützte, wo sie konnte. Natürlich verlief nicht alles so positiv. Wir mussten manches Unverständnis und manche Ablehnung einfach umgehen, so wenn z.B. von einer rein islamischen Revolution die Rede war und wir hier nichts zu suchen hätten“.

Die negativen Nachrichten blieben aber in der Minderheit. Berndt Blechschmidt: „Es waren wohl die intensivsten drei Monate meines Lebens. Und ich bin sehr froh, mich für ein Engagement in Syrien entschieden zu haben“.

Unser GH-Hospital in Azaz:

Unser Krankenhaus, in dem die Grünhelme auch gewohnt haben, befindet sich noch weiter in der Umstrukturierung. Es wird wohl auch weiter von der Opposition unterstützt. Für größere Anschaffungen, wie z.B. den Autoklaven, wird es trotzdem die Unterstützung der Grünhelme benötigen. Wir konnten solch einen Autoklaven nicht mehr in der Türkei auftreiben, wir müssen erst auf den nächsten warten, der kommt um uns das zu ermöglichen. Wir haben hier von der Zentrale der Grünhelme schon zugestimmt, den Autoklaven zu kaufen (Summe: 10.000 Euro). Wahrscheinlich werden bis zum 27. Dezember, wenn zwei neue Leute kommen, die Zimmer im Hospital alle belegt sein. Trotzdem sollte die erste Station immer erst provisorisch das Hospital und Dr. Anas Hiraki sein, der uns seit dem ersten Tag in Azaz immer begleitet und betreut hat.

Gefahren in Azaz: Zum Ende des ersten Grünhelmeterms blieben die Bombenangriffe der MIGs praktisch aus. Auch der Beschuss durch den 7 km von dem Hospital gelegenen Hubschrauber-Flugplatz Mingh der Regierung ging stark zurück. Die Eroberung scheint im Gange. Falls der Hubschrauber-Flugplatz endlich in Händen der Rebellen ist, tun sich größere Möglichkeiten für eine Aktivität der Grünhelme über Azaz hinaus auf.

Azaz – so meinen unsere beiden – ist nicht mehr die Geisterstadt, die wir noch Anfang September erlebt haben. Es herrscht hier jetzt richtiges Leben. Man bekommt eigentlich alles in dem Ort. Und wenn gerade etwas nicht vorhanden ist, dann wird es in den nächsten ein bis zwei Tagen aus Aleppo bestellt. Die meisten öffentlichen Behörden machen die ersten Schritte in Richtung Wiedereröffnung, z.B. gibt es jetzt auch wieder ein funktionierendes Gericht.

Handwerker findet man in Azaz eine große Menge. Man muss aber aufpassen, weil jeder in dieser Situation verständlicherweise versucht, etwas Geld zu verdienen und somit Arbeiten oft durchführen will, von denen er keine Ahnung hat. Es wird meist gute Arbeit abgeliefert, aber teilweise unsauber gearbeitet. Bernd: „Unsere Handwerker haben uns so manchen Nerv gekostet, wenn es in die Endphasen der Arbeit an den Schulen ging“.

Für die Erkundigung weiterer Projekte in der Umgebung hatten wir leider keine Zeit. Das muss das neue Team übernehmen. Bevor solche neuen Projekte in Betracht gezogen werden, muss mit Ortskundigen die Lage vor Ort erkundet werden. Ein sehr interessantes Projekt wäre die Berufsschule von Azaz. Sie liegt am Stadtrand, sie dient noch jetzt als Stützpunkt für die F.S.A. und liegt auch zu nahe am Militärflugplatz Mingh. Wenn der Flugplatz eingenommen wird, könnte man mit ehemaligen Berufsschülern die Rehabilitierung angehen: Sieben Gebäude für mehr als 900 Schüler. Die Substanz ist in Ordnung und die Schäden durch Granattreffer halten sich in Grenzen.

Wir suchen noch einen syrischen Bautechniker (entweder Bauingenieur, Zimmermann, Polier, Architekt).

Bernd Blechschmidt und Saru Murad

 

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