Zwei Schulen für die Zukunft
Neues Schulbauprojekt im Nordirak

2017.09.25_01Das erste Grünhelme-Projekt im nordirakischen Shingal-Gebirge steht kurz vor dem Abschluss. Im Oktober soll der Unterricht in der neuen Grund- und Sekundarschule im kleinen jesidischen Dorf Gerke-Hasare starten. Unterdessen laufen die Vorbereitungen für ein zweites Schulbauprojekt in der Region auf Hochtouren.

Die neue Schule von Gerke-Hasare ist schon aus großer Entfernung zu erkennen. Die gelb-beigen Mauern sind einer der wenigen Farbtupfer in der von der sommerlichen Hitze ausgedörrten kargen Landschaft.Ein massiver Bau mit neun Klassenräumen, weiteren vier Räumen für die Schulverwaltung und einer Sanitäranlage, angeordnet in einem Viereck, welches in der Mitte einen großen Innenhof einschließt. Für das neue Schuljahr, das im Irak und in Kurdistan traditionell zu dieser Jahreszeit startet, haben sich bereits 120 Kinder angemeldet. Mittelfristig sollen in der Schule 180 bis 200 Schülerinnen und Schüler von Klasse 1 bis Klasse 9 unterrichtet werden.

Im Dorf selbst ist die Stimmung ausgelassen: Zehn Monate haben die Bewohner*innen mit unseren Grünhelm-Teams geschuftet um ihren Wunsch von der neuen Schule zu erfüllen, in welche künftig ihre Kinder, Schwestern, Brüder, Nichten und Neffen gehen werden. Sie haben Fundamentgräben ausgehoben, Beton gemischt, Eisen gebogen, Wände hochgemauert, ein Vordach gezimmert, gepinselt und vieles mehr. Waren es anfangs Regen und Sturm, die uns zu schaffen machten, so war es in den letzten Monaten die Hitze von bis zu 50 Grad. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt: Es ist eine Schule entstanden, die von vielen bereits als „die schönste Schule des Shingal“ bezeichnet wird. Neben den funktionalen Klassen- und Verwaltungsräumen gibt es eine umlaufende Veranda und zwei sogenannte Jamming Spaces, die im Winter Schutz vor Regen und im Sommer Schatten bieten. Als Abgrenzung zum Innenhof ist entlang der Veranda ein kleines Mäuerchen entstanden, das als Sitzfläche dient. Der Innenhof wurde vier geteilt: So befindet sich in einem Viertel ein Basketballfeld, in einem anderen wurden Bäume gepflanzt, außerdem gibt es eine Schaukel, eine Wippe und ein Klettergerüst. Die Schule wird also nicht nur ein Ort zum Lernen sein, sondern bietet auch viel Raum zum Spielen und Verweilen.

Die Wasserversorgung der Baustelle war eine ständige Herausforderung: Der lokale Brunnen, der uns vom Landbesitzer Ali Haider zur Verfügung gestellt wurde, konnte die benötigten großen Wassermengen zumeist nicht bewältigen. Zu weit war der Grundwasserspiegel in den letzten Jahrzehnten abgesunken. Um die Versorgung der Schule, insbesondere der Sanitäranlagen, sicherzustellen, baut die Welthungerhilfe (WHH) einen neuen, 150 Meter tiefen Brunnen auf dem Gelände der Schule – für diese Unterstützung sind wir sehr dankbar.

Während die letzten Wände nachgestrichen werden und lediglich noch ein paar Fenster auf ihren Einbau warten, steht das nächste Grünhelme-Projekt im Shingal-Gebirge bereits in den Startlöchern. Auf der Südseite des Gebirges, in unmittelbarer Nähe zu Shingal-Stadt, im Dorf Depah, wird eine neue Schule mit Platz für bis zu 400 Kinder entstehen. Depah war im August 2014 vom IS überfallen worden und wurde im November 2015 gemeinsam mit Shingal-Stadt befreit. Von den einstmals gut 200 Familien sind bisher erst etwa 40 Familien aus den Flüchtlingslagern im irakisch-kurdischen Autonomiegebiet in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Neben vielen privaten Häusern ist auch die soziale und technische Infrastruktur zerstört: So müssen sich die Familien bei der Stromversorgung mit Generatoren selbst helfen, zur Wassergewinnung können die alten Brunnen nur mühsam reaktiviert werden und eine medizinische Versorgung ist überhaupt nicht gewährleistet. Da die alte Schule in Depah schon vor dem Krieg marode war, wurde mit dem Bau einer neuen Schule bereits 2014 begonnen. Kurz vor der Fertigstellung jedoch wurde Depah vom IS besetzt und der Neubau während der Rückeroberung vollkommen zerstört. 

Nun wollen wir Grünhelme gemeinsam mit der Dorfbevölkerung eine neue Schule errichten. Hierfür hat der Bürgermeister von Depah bereits ein Stück Land zur Verfügung gestellt, welches auch mit einem Brunnen ausgestattet ist. Die kurdischen Schulbehörden haben das Vorhaben und den Entwurf bereits genehmigt, sodass der Baustart für Mitte Oktober geplant ist. Auch wenn heute noch längst nicht alle Familien zurückgekehrt sind, wird die Kapazität der Schule darauf ausgerichtet.

Wir Grünhelme wollen mit dem Neubau der Schule in Depah auch eine Vorreiterrolle übernehmen: Während das Leben auf der Nordseite wieder an Normalität gewinnt und viele Organisationen sowie UN-Institutionen sich am Wiederaufbau beteiligen, ist davon auf der Südseite der Berge kaum etwas zu erkennen. Die Menschen sind auf sich allein gestellt und müssen den Schwierigkeiten, ohne funktionierendes Stromnetz und Wasserversorgung, ohne medizinische Versorgung und Schulen für ihre Kinder trotzen. Wir möchten mit dem Baustart im nächsten Monat den Menschen auch das Gefühl geben, nicht vergessen worden zu sein und sie in ihrem Mut bestärken.

Für das Wiederaufbauprojekt in Depeh suchen wir noch erfahrenen Handwerker*innen und Bautechniker*innen, die vor Ort mit anpacken möchten. Der Dank gilt unseren Unterstützer*innen für die vielen großzügigen Spenden.   

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