Zweite Verteilung im nordirakischen Shingal Gebirge

06.02.2015_1 Am 02.02.2015 haben sich die Grünhelme entschieden ihre zweite Verteilung von jeweils 1200 Decken und Schaumstoffmatrazen, im Shingalgebirge durchzuführen. Etwa 10.000 Menschen verharren dort auf den Hochplateaus und in z.T. sehr kleinen Dörfern. Einige dieser Menschen sind Bewohner von Häusern, die sie nicht verlassen möchten, die meisten aber sind Flüchtlinge aus den Städten und Dörfern rund um das Shingalgebirge, die nun in Zelten untergekommen sind.

Wenn man an das Shingal Gebirge und an die nordwestlichen Gebiete im Irak denkt, wird man sich wahrscheinlich an das Flüchtlingsdrama Ende letzten Sommers erinnern. Tausende sind damals vor dem Terror des IS in das Gebirge geflohen und wurden durch das stete Vorrücken der Angriffe von der Aussenwelt abgeschnitten. Lange mussten sie um ihr Überleben auf den Hochebenen bangen.

Heute hat sich die Situation entspannt aber richtig friedlich ist es hier noch lange nicht:

Das nördliche Vorland des Gebirges, das an der syrischen Grenze liegt, war zeitweise durch den IS besetzt, mittlerweile ist es aber wieder in fester „Peschmerga“- Hand, also unter Kontrolle der Streitkräfte des autonomen Kurdistan. In das Sindjar Gebirge selbst, das von einer durchgehenden Straße gut erschlossen wird, hat es den IS und seine brutalen Anhänger bisher noch nicht verschlagen, so dass sich zwischen den steilen Hängen ca. 5.000 bis 10.000 Flüchtlinge in Sicherheit gebracht haben. Im von unserem Standpunkt aus dahinterliegenden Flachland, wird rund um Sindjar Stadt immer noch um die militärische Vorherrschaft gekämpft.

Es ist 5:00 Uhr morgens:

Wir fahren zu viert mit unserem Auto los in Richtung Sindjar Gebirge und treffen außerhalb Duhoks auf eine Zwei -Mann-Peschmerga-Eskorte, die uns zur bevorstehenden Verteilung der Decken und Matratzen begleiten will. Durch diese Beiden Soldaten stehen wir in ständigem Kontakt mit den stationären Peschmerga-Verbänden und können eventuelle Risiken für unsere Sicherheit frühzeitig erkennen. Auf dem Weg in das Gebirge, für den wir uns aufwendig registrieren müssen, überqueren wir den Tigrisfluss. Hier beginnt die Region Sindjar, sie ist zur Zeit nur schwer zugänglich, da in weiten Teilen des Landes Gefechte mit dem IS stattfinden. Wir dürfen uns aus Sicherheitsgründen nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in der Region aufhalten.

Anscheinend sind unsere Begleiter in der Hierarchie der Peschmerga nicht ganz unten angesiedelt. Wir werden an den vielen militärischen Checkpoints, die nun folgen, zügig durchgewunken. Auf der Straße mit Sicht auf die Syrische Grenze kommen wir alle vier Kilometer an einem Verteidungsposten vorbei, in denen die Peschmerga das weite Flachland überblicken. Die Zerstörung hält sich in Grenzen. Hin und wieder sieht man Menschen, die zurück in ihre Häuser ziehen zu scheinen. Nach der Durchquerung einer letzten größeren Stadt fahren wir in das Gebirge. Eine einzige Straße, an der sich zu Beginn kleine Dörfer und später mit zunehmender Höhe größer werdende Zeltansammlungen reihen, durchzieht das Shingal. Nachdem man die große Hochebene Richtung Gipfel verlässt, folgt ein letztes kleines „Camp“, das wohl bisher bei Hilfslieferungen oft vergessen wurde. Ein gutes Stück weiter oben steht eine kleine von Familien bewohnte Militärbasis, die noch aus Saddam Husseins Zeiten stammt.

Wir beginnen mit der Verteilung in den unteren Dörfern und wollen uns im Anschluss daran mit Matratzen und Decken langsam von oben in Richtung Tal vorarbeiten. Die Nachricht unserer Ankunft hat sich offensichtlich schnell verbreitet. Nach der ersten Aufregung und nachdem wir den Bewohnern unser Vorgehen erklärt haben, beruhigt sich dann die Stimmung. Bis auf Einzelfälle warten die Camp- und Dorfvorsteher mit ihren Leuten geduldig am Wegesrand. Anscheinend hat sich seit der letzten Verteilung der Grünhelme etwas Vertrauen aufgebaut. Aber auch unser Vorgehen ist koordinierter als beim letzten Mal, so dass wir insgesamt wesentlich schneller arbeiten können und keine Angst haben müssen, unseren Zeitplan nicht einzuhalten.

Ausserdem versuchen wir im Gespräch mit den Menschen vor Ort immer wieder herauszufinden, was den Menschen dort oben am meisten fehlt. Neben Wasser und Kleidung mangelt es vor allem an genügend Lebensmitteln. Auf dem Gipfel geben wir den Frauen in einem „Camp“ deshalb kurzentschlossen unsere eigene Tagesverpflegung. Wasser scheint es zu geben, aber man sieht keine Tanks. Hin und wieder gehen Kinder am Straßenrand, die Wassergefäße schleppen. Die Vermutung liegt nahe, dass es nur Quellen gibt, die weit entfernt liegen. An diesem Tag haben wir das Glück von strahlendem Sonnenschein begleitet zu werden. Je höher wir jedoch fahren, desto stärker wird der Wind und auf dem Gipfel und den letzten Hocheben ist es auf einmal gar nicht mehr frühlingshaft warm.

Grundsätzlich mangelt es dort also an allem, weswegen sich uns automatisch der Gedanke einer möglichst schnellen Lieferung von Nahrungsmitteln und Kleiderpaketen aufdrängt. Auch sind die Mengen, die wir bisher gebracht haben, eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Rein organisatorisch haben wir an diesem Tag festgestellt, dass wir mit unserer jetzigen Teamstärke und –zusammensetztung (drei Übesetzter) gut und gern sechs Lkws in der vorgegebenen Zeit verteilen können. Mit Blick auf die steigenden Temperaturen in den kommenden Monaten wird auch die Hygiene ein immer kritischeres Thema.

Die heftigsten Kämpfe in der Gegend sind zunächst vorbei, der nördliche Zugang in das Gebirge ist nun freigekämpft und von den Peshmerga gesichert. Dennoch bleibt die dringend benötigte Hilfe aus. Die allermeisten Organisationen halten sich bedauerlicherweise wegen des bestehenden Sicherheitsrisikos zurück. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Lage weiter beruhigt und der Shingal weiter freigekänpft wird, so das neben Hilfsgütern auch die BewohnerInnen zurückkehren können.

Michael Jetter, Alexander Seyfried, Adrian Kohlert